Mai 2, 2016 - Alltag    No Comments

Änni im Rhabarber-Rausch.

Es ist wieder soweit, der Rhabarber hat Saison, und wie es so meine Art ist, stürze ich mich Hals über Kopf ins Rhabarber-Flash, äh, ich meine, in die Rhabarber-Verarbeitung. Da ich leider immer noch keinen eigenen Garten habe, bin ich dabei auf die Ernte meiner Mama angewiesen, und zum guten Glück scheint die Ernte dieses Jahr ausgesprochen grosszügig auszufallen (in vergangenen Jahren liefen diverse unsaubere Bestechungsversuche, um die mütterliche Rhabarberverteilung auf insgesamt 5 Nachkommen möglichst zu den jeweils eigenen Gunsten ausfallen zu lassen). Jedenfalls, meine übliche überbordende Euphorie, wenn es um die Ernte von irgendwas Essbarem geht, nahm erschreckende Ausmasse an, als ich gestern Abend im Internet über den Begriff „Rhabarbersirup“ stolperte.

Ich meine, ernsthaft, in welch geiler Welt leben wir, wenn es sowas wie „Rhabarbersirup“ gibt?!

Ich sah mich ab da vor meinem gestigen Auge in luftigen Sommerkleidchen und sagenhaft mondänem Hut auf schicken Stehparties nett dekorierte, kühle Sommerdrinks mit Rhabarbersirup schlürfen: Martini & Rhabarbersirup, Prosecco & Rhabarbersirup, Weisswein & Rhabarbersirup – die Rhabarbersirup-Kombinier-Phantasie kennt keine Grenzen! Ich gab mich bereits im Vorfeld der Rhabarber-Übergabe dem Rhabarber-Rausch hin, untertützt durch die Internet-Rhabarber-Community, die mir unter anderem das hier zugespielt hat. (Rhabarberbarbarabarbarenbärtebarbierbier, gnihihihi!).

Jedenfalls, der heutige Tag kam, und mit ihm kam (endlich!!) die Rhabarber-Übergabe. Ein gutes Kilo Rhabarber, so die Ausbeute, die ich, voller Elan und leicht irre anmutender Euphorie, auf unseren  Küchentisch packte.

 

image

Rhabarber! RHABARBER!!!

 

Strategisch gesehen ein kolossaler Fehler, wie sich bereits sehr bald herausstellen sollte. Es geschah nämlich folgendes: Mein werter Freund betrat die Küche, und seine Augen fingen umgehend an, mindestens vergleichbar irre zu leuchten, als er den Rhabarber da liegen sah. „Mmmmmmh, Rhabarber!“, rief er enthusiastisch, „daraus mache ich eine feine Wähe zum Znacht!“ „Äh… Nein!“, ich war irritiert und sehr bestimmt, „machst du nicht! Daraus stelle ich Sirup her, Rhabarbersirup!“ „Sirup? Spinnst du? Das ist schade um den Rhabarber!!“ „Sicher nicht!“, ich war empört, „stell dir vor, wie fein, Rhabarber-Sirup!“ „Sirup ist total ungesund“, mein Freund versuchte es auf die durchtriebene Tour, „so viel Zucker, stell dir vor, du willst doch immer nur noch gesundes Zeug essen, da ist Sirup eine total schlechte Idee!“ „Vergiss es, ich koche Sirup!“ „Wähe!“ „Nein, Sirup!“ „WÄHE!“ „SIRUP!!“ – so ging es noch ein Weilchen weiter. Irgendwann, nach zähen Verhandlungen und diversen emotionalen Entgleisungen stand ein Kompromiss: Ein halbes Kilo für Sirup, das andere halbe Kilo für eine Wähe. Meine Güte, welche Aufregung!

Ich fing also an, den Rhabarber zu schälen und gemäss diesem Rezept zu verarbeiten. Da verhalf mir ein Rhabarber-Community-Mitglied zu einer weiteren genialen Idee: Aus dem verkochten „Mus“, das für den Sirup nicht verwendet wird, kann man gut Konfitüre kochen.

Rhabarbermus

Rhabarbermus

Rhabarber-Erdbeer-Konfitüre!! Ich LIEBE Rhabarber-Erdbeer-Konfitüre!! Im Gefrierschrank im Keller fand ich prompt noch zwei Säckchen gefrorene Erdbeeren, und so schmiss ich wohlgelaunt den Kochherd an. An der Stelle, als im Rezept von „Zucker“ die Rede war, stockte mein Enthusiasmus kurz. Zucker. Da war doch was. Ich öffnete den Küchenschrank und prompt kehrte die Erinnerung zurück: Gestern erst hatte ich den letzten Zucker aus dem Kilosack geschüttet. Ich konnte mich erinnern, wie ich dabei dachte „oh, sollte ich vielleicht irgendwo aufschreiben, dass wir keinen Zucker mehr haben.“

Da stand ich also, in der Küche, mit zwei Töpfen auf dem Herd, 1x Sirup, 1x Konfitüre in the makening, ohne ein einziges Gramm Zucker. An einem Sonntag! In der tiefsten Provinz! Herrlich!

Selbstverständlich kehrte nach dem ersten Schock unmittelbar mein Kampfgeist zurück. Wäre ja gelacht, wenn ich dieses Problem nicht mittels Improvisation lösen könnte!!

Zucker ist Zucker, oder?!

Zucker ist Zucker, oder?!

 

Wie soll ich sagen: Änni 1, mangelnde Organisationsfähigkeit 0.

 

image

 

Und siehe da: Alles ward gut. Sirup, Konfi, Rhabarber-Rausch und Änni umarmten sich innig, machten einander solange Komplimente, bis alle heulten und ritten dann – geistig völlig entrückt – auf einem gefilzten Regenbogen in den Welt-, äh, ich meine, in den Sonnenuntergang.

image

 

(Und irgendwann später, als alle 4 auf einer höheren Bewusstseinsstufe angekommen waren, entstand dann auch noch eine Wähe für mein Herzblatt.)

Ja, mein werter Freund hatte Recht, eine Wähe war eine verflixt gute Idee.

Ja, mein werter Freund: Eine Wähe war eine verflixt gute Idee.

.

 

 

 

 

 

Apr 10, 2016 - Alltag    3 Comments

Die Blüten der IV-Hetze.

Geschätzte Leserschaft: Es folgt ein kurzer Unterbruch des flauschig-oberflächlichen „guckt mal, die Stiefmütterchen blühen“ und „das neuste aus unserem Badezimmer“-Standardprogramms. Ich habe einen Brief an den obersten Chef der IV geschrieben (und auch ausgedruckt, unterschrieben und abgeschickt), den ich gerne auch einem breiteren Publikum untebreiten möchte. Bitte lest das, bitte teilt das.

Sehr geehrter Herr Ritler

Ich bin Sozialpädagogin und begleite dadurch seit über 13 Jahren Menschen mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Einschränkungen, unter anderem Menschen mit Autismus. Aktuell mache ich eine Weiterbildung auf CAS-Stufe an der HfH in Zürich („Autismus-Spektrum-Störungen im Kinder- und Jugendalter“). Heute fand in diesem Rahmen ein Kurs zum Thema „Förderung von Kommunikation bei Menschen mit ASS“ statt. Dabei war auch ein Mitarbeiter der Firma „Active Communication“ anwesend, der uns diverse elektronische Kommunikationshilfen für Menschen mit einer verzögerten Sprachentwicklung zeigte und erklärte. Bei der Frage nach der Finanzierung solcher Hilfsmittel erwähnte er, dass die IV offenbar auf ein Stufenmodell der Sprachentwicklung zurückgreift, um zu entscheiden, ob sie Kommunikationshilfen finanziert oder nicht. Das für mich als Sozialpädagogin wirklich Absurde dabei: Offenbar würden die Menschen mit den grössten Defiziten, in diesem Stufenmodell von der sprachlichen Entwicklung her auf Stufe 1 oder 2 anzusiedeln, NICHT unterstützt. Nur Menschen, die bereits auf Stufe 3 oder höher eingestuft werden könnten, würden durch die IV eine Kommunikationshilfe finanziert bekommen.

An dieser Stelle meine Frage: Stimmt das so? Greifen Sie bei der Beurteilung, ob ein Kind, ein Jugendlicher oder gar ein Erwachsener von Ihnen finanzielle Unterstützung bei einem so fundamentalen Unterstützungsbereich wie dem der Kommunikation, tatsächlich auf ein Stufenmodell zurück und entziehen dabei ausgerechnet den Schwächsten die finanzielle Unterstützung für eine Kommunikationshilfe?

Für den Fall, dass das tatsächlich der gängigen Praxis entspricht: Wie können Sie mir das begründen? Wie können Sie, selbst wenn Sie – wie ich vermute – über keine Ausbildung im Bereich Logopädie oder Pädagogik verfügen, ethisch und moralisch dahinter stehen, dass ausgerechnet die Schwächsten keine Unterstützung erhalten?

Für mich als Sozialpädagogin und auch als Mensch ist das in der Tat absolut nicht nachvollziehbar. Stellen Sie sich für einen kurzen Moment vor, Sie wären anstatt mit Ihren aktuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten mit einer schweren geistigen Behinderung sowie einer Störung aus dem autistischen Spektrum geboren worden. Dass Sie das nicht sind, ist nämlich reiner Zufall. Ja, es ist schwer, sich so etwas vorzustellen, und wie sich das wirklich anfühlt, werden Sie und auch ich wohl nie erfahren, aber es kann gut sein, dass sowohl Sie wie auch ich durch einen Unfall oder aber im Alter mit Demenz durchaus auch auf Pflege und sehr viel Unterstützung im Bereich Kommunikation angewiesen sein werden. Schon alleine darum ist es eine gute Übung, sich vorzustellen, wie man in dieser Situation wohl selber gerne behandelt werden möchte.

Sie leben also in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Morgens kommt eine Person zu Ihnen ins Zimmer. Sie gibt Laute von sich, die Sie aber nicht verstehen. Seit etwa drei Stunden haben Sie furchtbare Schmerzen im linken Fuss. Es ist furchtbar unangenehm, und Sie möchten sehr gerne mitteilen, dass es schmerzt, Sie möchten unbedingt, dass dieser Schmerz aufhört. Leider haben Sie keine verbale Sprache, und durch Ihre schwere Entwicklungsstörung auch keine Möglichkeit, Gebärden zu lernen. Sie haben leider auch keine Kommunikationshilfe, da die IV diese nicht finanziert, weil Sie ja „zu schwer behindert“ sind. Was werden Sie in dieser Situation wohl tun? Je nach Charakter, würde ich sagen, aber Aggressionen sind in einer solchen Situation sehr wahrscheinlich. Vielleicht schreien Sie, wenn Sie das können, vermutlich können Sie das nicht. Vielleicht schlagen Sie die Person, die im Raum ist, vielleicht beissen Sie sie, kneifen sie, ziehen ihr an den Haaren, vielleicht beissen Sie auch sich selber in Ihrer Verzweiflung, schlagen sich ins Gesicht, schlagen Ihren Kopf gegen die Wand, rammen Ihre Fingernägel in Ihren Arm, bis das Blut in Strömen fliesst und man Sie fixiert oder mit Medikamenten ruhig stellt.

Das alles kann passieren, versichere ich Ihnen aus Erfahrung, wenn Menschen sich nicht mitteilen können. Wenn Menschen nicht einmal Grundbedürfnisse äussern können, wenn sie keine Möglichkeit haben, zu verstehen und verstanden zu werden. Kommunikation ist lebenswichtig. Je eingeschränkter die Möglichkeiten eines Menschen im Bereich der Kommunikation ist, desto lebenswichtiger ist die Unterstützung im Bereich der Kommunikation, im wahrsten Sinne, es sterben immer wieder Menschen mit Mehrfachbehinderungen an Lungenentzündungen etc., weil sie ihre Symptome nicht so ausdrücken können, dass sie verstanden werden.

Nur für den Fall, dass Ihre Argumente für diese Finanzierungs-Praxis, wenn sie denn wirklich so aussieht, in eine Richtung wie „bei so schweren Beeinträchtigungen der Sprache sind ja auch keine Fortschritte möglich“ gehen sollten: Komplett falsch, aber wirklich absolut komplett falsch (und falls Sie mein Urteil anzweifeln: Fragen Sie eine*n beliebige*n Logopäd*in / Pädagog*in / Entwicklungspsycholog*in). Entwicklung im Bereich der Kommunikation kann nur geschehen, wenn ein Mensch Erfolge hat. Wenn er erfährt, dass er verstanden wird, dass er wahrgenommen wird, dass sich Kommunikationsversuche für ihn lohnen, dann wird er dazu lernen, dann hat er eine reelle Chance, von Stufe 1 auf diesem Modell zu Stufe 2 zu kommen. Gerade auf dem tiefsten Level können die „Ursache-Wirkungs-Hilfsmittel“ aus dem Bereich der unterstützten Kommunikation enorme Fortschritte ermöglichen.

Es ist mir ein Anliegen, von Ihnen eine ehrliche und präzise Antwort zu erhalten. Sollte die Entscheidung über Finanzierung von Kommunikationshilfen wirklich über dieses Stufenmodell erfolgen und dabei ausgerechnet die Menschen mit der tiefsten Entwicklungsstufen bestrafen, ist mein Vertrauen in die Kompetenz der IV nachhaltig erschüttert. Solche Missstände darf es in unserem Land nicht geben, das will und kann ich nicht akzeptieren.

Vielen Dank dafür, dass Sie mich und mein Anliegen Ernst nehmen und mich nicht mit einer automatisierten 3-Zeilen-Antwort abspeisen.

Freundliche Grüsse

Änni, dipl. Sozialpädagogin FH

Seiten:1234567...96»
elektronik sigara