Mrz 18, 2015 - Alltag    No Comments

Änni geht shoppen.

Der Frühling naht, unsere Filmpremiere steht vor der Tür, und ich hab ganz unerwartet ein paar Stunden frei: Es liegt auf der Hand, das Schicksal hat entschieden, dass ich shoppen gehen soll. Nichts liegt mit ferner, als mich trotzig gegen das Schicksal aufzulehnen, und so tue ich, was nunmal getan werden muss und stürze mich in die nächste Fussgängerzone.

Während ich das erste Geschäft anpeile, murmle ich mantramässig meinen Vorsatz vor mich hin: “Ich werde in das teure Geschäft gehen. Ich werde mich beraten lassen. Ich werde in das teure Geschäft gehen. Ich werde mich beraten lassen. Ich werde…”

Es fängt nicht gut an. Bevor ich überhaupt richtig im Laden drin bin, sehe ich vor mir eine verschwitzte, gammlig gekleidete Frau mit wirr vom Kopf abstehenden Haaren und einer enorm voluminösen Einkaufstasche, aus der eine rote Mütze, diverse getragene Kleider, ein verknüllter Notizblock und ein zerdelltes Yoghurt ragen – der Anblick verstört mich noch viel mehr, als mir klar wird, dass das mein Spiegelbild ist.

Ich fasse mich schliesslich wieder und steuere den ersten Kleiderständer an. Das Geschäft ist weitläufig, überall schwirren adrett gekleidete Damen im besten Alter herum, einige davon Kundinnen, andere Verkäuferinnen. Mich scheinen die Damen zu ignorieren, was absolut in meinem Sinne ist – wobei, da fällt mir ein, ich wollte mich ja beraten lassen. “Beratung” in einem Modegeschäft ist für mich die Königsdisziplin in der Kategorie Selbstüberwindung. Bevor ich aber dazu anhebe, mich bei den adretten Damen bemerkbar zu machen, schaue ich mir eine sehr hübsche Kurzarmbluse an. Und fummle schliesslich, sicher als einzige der Kundinnen hier, das Preisettikett hervor. Was ich sehe, lässt mich ziemlich undamenhaft nach Luft schnappen: Das gute Stück kostet über 250 CHF. Ich beschliesse, dass das ein Zeichen des Universums direkt an mich sein muss, ein Wink mit dem Kleiderständer, quasi, dieses Geschäft umgehend wieder zu verlassen.

Draussen sammle ich mich erstmal wieder, um dann das nächste Geschäft anzusteuern. Dort begrüsst man mich immerhin, was daran liegen mag, dass ich mir zumindest theoretisch eine der Blusen da leisten könnte. Allerdings scheint die gesamte Kollektion unter dem Motto “Frühling im pastellfarbenen Bünzlihausen” zu laufen, und ich steuere bald Geschäft Nummer 3 an. Ich verabschiede mich von meinem Vorsatz, mich beraten zu lassen und schaue mir die Klamotten an. Man lässt mich in Ruhe ein paar weisse Blusen anprobieren (ja, welche Ironie, wenn man meine Vorsätze vom letzten Jahr kennt), wobei ich plötzlich merke, warum mir der BH-Verschluss schon den ganzen Tag den Rücken verkratzt hat: Ich trage das Teil verkehrt. Inside out oder so. Ich kratze meine verbleibende Würde zusammen, um mir beim Versuch, mich in die zarten Blüschen zu zwängen erst den Kopf und dann den Ellbogen krachend an die Kabinenwand anschlage. “Ist bei Ihnen alles in Ordnung?”, fragt eine leicht irritierte Stimme, die sich nah meinem tapferen “Ja, klar!” wieder entfernt. Ich beschliesse, die zweite weisse Bluse meines Lebens zu kaufen, obwohl ich die erste nach wie vor nie getragen habe, und alles hätte harmonisch und halbwegs damenhaft laufen können, hätte ich nicht plötzlich unbedingt noch die farbige Bluse, die ich draussen hatte hängen sehen, anprobieren wollen. Ich übergebe also die weisse Bluse der immer noch sehr besorgt wirkenden Verkäuferin und verkünde etwas von “sehe mich noch weiter um”, während ich zielstrebig nach draussen gehe und mit dem Fummel meiner Begierde zurück in den Laden marschiere. Während ich die Umkleidekabine anpeile, meldet sich plötzlich die Verkäuferin: “Entschuldigen Sie, aber… das ist eine Bluse des Geschäftes nebenan.” Ich drehe mich zu ihr um und bin das personifizierte “Hä?!”, bis mein Blick nach draussen wandert und ich sehe, dass die Kleiderständer dort, obwohl sie nebeneinander stehen, unterschiedlich beschriftet sind.

Wie soll ich sagen, auch dieses Geschäft verlasse ich schliesslich ziemlich schnell, immerhin habe ich nun aber eine weitere weisse Bluse, die die nächsten paar Jahre jungfräulich im Schrank hängen wird. Man weiss ja nie, wann man jungfräuliche Klamotten plötzlich unbedingt braucht!

Geschäft Nummer 4 ist quasi die Low-Budget-Variante vom H&M, und ich erstehe ein weisses Unterhemd, Grösse XL, für 5 Franken. Die Sache mit den Kleidergrössen rumort mal wieder in meinem Kopf: Je teurer das Geschäft, desto kleiner die Kleidergrösse, die um mich rumpasst. Je billiger die Ware, desto XL. Warum das so ist? Vielleicht sind ärmere Menschen dünner. Oder reichere Menschen wollen sich die Illusion einer kleineren Grösse kaufen, nach dem Motto: “Ich bezahle 50 Franken für ein Unterhemd, dann soll gefälligst auch eine 38 dran hängen!”

Während ich noch philosophiere, betrete ich Geschäft Nummer 5. Als mein Blick über die von wohlfrisierten Verkäuferinnen wohlsortierte Auslage huscht, werde ich ganz melancholisch. Zunächst. Danach aggressiv. Ich meine, MEINE NERVEN!!! Wer immer in der Design-Abteilung von grossen Modeketten sitzen mag, ich stelle mir die Kreativ-Meetings anlässlich Ideensammlung für die Frühlings-Kollektion etwa so vor:

“Hey, Jungs und Mädels, ich habe da DIE Idee. Warum nicht mal was ganz verrücktes?! Was, das die Kunden schockt?! Was wirklich krasses?!” “Wow, das klingt ja abgefahren, was stellst du dir vor?” “Ich weiss, das findet ihr wahrscheinlich zu extrem, aber hey: Warum nicht mal Pastelltöne? Alles weit geschnitten? Daneben weiss? Ebenfalls schön weit?” “Meine Güte. Das ist total krass! Das… Das ist ne Revolution!! Extrem gewagt, aber ich find das gut! Man muss mutig sein in unserer Branche!!”

Ja, so wird das ablaufen. Und das jedes verdammte Jahr, solange ich mich erinnern kann. Ob all dem zart rosa, zart hellblau und zart lachsfarbenen Zeug in Übergrösse wird mit schier übel. Im unteren Stockwerk finde ich dann eine knallrote, anliegende langärmlige Bluse. Da scheint jemand unauffällig die Mode-Revolution boykottiert zu haben. Ich erstehe die zweite Bluse des Tages und habe nach wie vor kein schickes, ärmelloses Oberteil. Ich krame meine restliche Energie zusammen und stürme entschlossen Geschäft Nummer 6. Ein Warenhaus, eigentlich. In der Damenkonfektion muss ich mich durch ein Meer aus weiteren Pastelltönen (beige! Ich HASSE beige!!) kämpfen, bis ich die Ecke mit der Kollektion von – ja, ich nenne die Marke jetzt einfach – Morgan finde. Dort weiss ich erst gar nicht, wohin ich schauen soll. Unglaublich, diese Kleider! Sie haben Charme und heben sich absolut positiv von dem ganzen Pastell-Müll ab. Ich packe eine riesige Auswahl zusammen und gehe anprobieren. Während ich die unterschiedlichsten Kleidungsstücke anprobiere, geht mir das Herz auf. Endlich was, was mir gefällt. Ich schwelge im Mode-Rausch, auch wenn ich leider einsehen muss, dass mein absolutes Traum-Oberteil zwar wunderschön ist, aber leider nicht zu meiner Figur passt. In Grösse 42 komm ich zwar ohne Ohnmachtsgefahr rein, aber es sieht einfach nicht vorteilhaft aus. Schliesslich entscheide ich mich für eine simple weisse (!), ärmellose Bluse mit dezenten Rüschen – ausgerechnet! Was dieses Modell von den gefühlten Tausend anderen heute gesichteten Modellen dieser Machart unterscheidet, ist, dass sie a) so etwas wie einen Schnitt hat und b) aus einem Stoff besteht, der trotz leichter Transparenz nicht nach Baby-Strich schreit. Dann probiere ich in in einem Anfall von euphorischem Wahnsinn noch irgend ein merkwürdig geschnittenes, buntes Oberteil an, und bin total verblüfft: Es passt, und es gefällt mir.

Mit der dritten Bluse des Tages und dem bunten Top mache ich mich schliesslich aus dem Staub. Ich bin fix und fertig, aber zumindest könnte ich jetzt rein Blusen-technisch ab sofort in einer Bank arbeiten. Und ich hab am Feitag bei der Filmpremiere was anzuziehen.

Mrz 12, 2015 - Alltag    2 Comments

Wohnlichkeiten.

Ich habe mal nachgerechnet und kann es eigentlich fast nicht glauben: seit 4 Jahren wohnen wir jetzt in Winzighausen. Meine Güte.

Damit hätten wir nicht gerechnet, als wir im Februar 2011 mit unseren 12 Gästen in den Winterjacken im Wohnzimmer das Zügelessen (Roastbeef mit Kartoffelsalat, ich erinnere mich lebhaft) bei frostigen 12 Grad Zimmertemperatur einnahmen, während draussen Temperaturen um die -18° herrschten. Dass im Vorfeld dieses denkwürdigen Dinners bereits um 16 Uhr kein Tropfen Wasser in der Küche – und im Bad nur noch kaltes -floss und wir dann am Tag darauf 4 Stunden lang zu dritt den Abwasch erledigten (kaltes Wasser im Bad holen, im Wasserkocher erhitzen, abwaschen), gab dem Ganzen noch den gewissen Pepp. Nicht nur meine Sippe (= die Gäste) weidet sich immer noch regelmässig an der Absurdität dieses Spektakels, auch ich denke hin und wieder gerne mit einem wohligen Schaudern daran.

Jedenfalls, weder ich noch mein Freund hätten je gedacht, dass wir so lange in Winzighausen hängen bleiben. Unvergessen bleibt “Schimmi”, der überdimensionale Schimmelpilz, an dem aussen ein paar Bestandteile einer uralten Waschmaschine klebten, was unsere Vermieterin dazu veranlasste, zu behaupten, Schimmi sei eine Waschmaschine. Die Kleider, die wir in Schimmi steckten, wurden von diesem beängstigenden Organismus zwar zuverlässig stinkender als vorher wieder ausgespuckt, was aber angesichts des Dreckpegels der “Waschküche” nicht wirklich tragisch war, zumindest musste man gar nicht erst in Versuchung kommen, jeden Socken, der mit dem klebrigen, mit Mäuseexkrementen verzierten und übel riechenden Boden in Berührung kam, umgehend bei 95°C nochmals zu waschen – wir gingen rasch darüber über, gemäss der 5-Sekunden-Regel einfach kräftig auf das kontaminierte Kleidungsstück zu pusten und umgehend sämtliche Gedankengänge zum Thema Hygiene und Krankheitsprävention zu blockieren.

Irgendwann, niemand weiss genau warum, am wenigsten ich selber, hatte ich allerdings genug von Schimmi. Ich meine das nicht persönlich oder so, auch Schimmelpilze haben ein Recht zu leben, und ich möchte mich ausdrücklich davon distanzieren, auf den fragilen Gefühlen dieser Lebewesen herumtrampeln zu wollen, aber ich beschloss, dass Schimmi und ich künftig getrennte Wege gehen müssen, zu unser beider Schutz. Es begann die “Zuckerbrot-und-Peitsche-Phase”, in der ich der Vermieterin Unmengen an Kirschkuchen vorbei brachte und gleichzeitig nachdrücklich betonte, dass ich und Schimmi uns auseinander gelebt haben – und auch “potentielle Nachmieter” allenfalls Vorbehalte gegenüber einem Waschmaschinen-grossen Schimmelpilz hätten. Beim Schlagwort “potentielle Nachmieter” ging dann alles sehr schnell. Schimmi wurde vom Netz genommen und durch eine kleine, schnittige Hoover ersetzt. Der Jubel war allenthalben gross, ausser vielleicht bei Schimmi.

Letzten Freitag dann allerdings stand das Wasser zentimeterhoch rings um die Hoover. Ich verabschiedete mich innerlich von unserem Bodenlappen, als ich den in der Flut schwimmenden jahrzehntealten Mäusedreck damit aufwischte. Heute nun kam dann die grosse Neuigkeit der Vermieterin: “Da lebt ein Vieh in dem Abflussrohr, das hat den Schlauch gefressen!” Mein verwirrter bis verstörter Gesichtsausdruck veranlasst sie, mir das ganze vor Ort zu zeigen. Sie wedelt mit einem verlöcherten Kunstoffschlauchteil vor meiner Nase herum und weist auf das dunkle Innere des Abflussrohrs im Boden: “Also, ein Marder kann es nicht sein. Marder leben nicht in Abflussrohren. Und die sind zu gross.” In meinem Kopf bilden sich verschiedene reptilienartigen Wesen mit glitschigem Körper und scharfen Zähnen. Ich sehe sogar eine Sprechblase mit “Schmatz, sabber, yummie!”, während die glibbrigen Raubtiere krachend ein graues Plastikrohr snacken.

Wie soll ich sagen. In der Waschküche lebt ein Monster, aber das wussten wir ja schon, als wir Schimmi das erste Mal sahen. Die Heizkörper werden dank einem beherzten Heimwerker auf Twitter via Ferndiagnose wieder warm, die Laube, das grosse Plus unserer Behausung, erwacht mit Narzissen, Stiefmütterchen und Krokussen zum Leben.

Kann gut sein, dass wir noch etwas bleiben.

 

Knusper, knusper, Knäuschen.

Knusper, knusper, Knäuschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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