Aug 1, 2014 - Alltag    3 Comments

Ännis 1.-August-Rede.

Liebe Mitschweizerinnen, liebe Mitschweizer, liebe Mit-Schweiz-Bewohnerinnen, liebe Mit-Schweiz-Bewohner,

Holldrio, die Schweiz feiert Geburtstag! Nein, ich mag jetzt nicht auf den Chrütli-Schwur eingehen, ein paar Zeilen “Willhelm Tell” zitieren (geschrieben ausgerechnet von einem Ausländer!!) oder von Winkelried schwärmen. Ich widme mich ausschliesslich der Frage, was das eigentlich soll mit diesem Nationalstolz und Patriotismus.

“Ich bin stolz, ein Schweizer zu sein” – diesen Spruch nahm ich erstmals im Jugendalter wirklich wahr. Schon damals fragte ich mich: Worauf genau bist du stolz?! Stolz kann man meiner Ansicht nach auf eine Leistung sein, auf etwas, das man erreicht hat. Stolz kann man vielleicht auch auf seine Kinder sein, auf etwas, das diese erreicht haben, weil man dazu beigetragen hat, dass sie diese Leistungen erreichen konnten. Kann man aber stolz auf die Leistungen irgendwelcher Vorfahren sein, die vor mehreren hundert Jahren irgendwas geleistet haben? Kann man stolz sein auf die Tatsache, dass man in einem Land lebt, das ein hohes Level an Sicherheit und Wohlstand bietet? Was hat man denn zu dieser Tatsache beigetragen?

Ich persönlich habe nichts, aber auch gar nichts dazu beigetragen, dass ich in der Schweiz geboren und mit dem Schweizer Pass versehen wurde. Es war einfach Glück. Ich bin dankbar dafür, und ich bin glücklich darüber, denn ich liebe meine Heimat und ich schätze die Sicherheit und den Wohlstand. Die Schweiz ist ein schönes und vielseitiges Land, wir haben 4 Sprachregionen, wir haben Seen und Berge, grüne Hügel und Gletscher. Ich wohne gerne hier, ich möchte nicht auswandern. Aber klar: Unser politisches System ist nicht perfekt, und die Angstmacherei gewisser politischer Lager macht mir manchmal Sorgen. Fremdenfeindlichkeit und Engstirnigkeit habe ich leider schon oft angetroffen hier, aber ich finde, es hilft wenig, wenn ich deshalb sage, dass ich in einem schlechten Land lebe. Es hilft mehr, wenn ich Toleranz vorlebe, wenn ich meine Anliegen unter die Menschen bringe, was auch bedeutet, mit Menschen zu reden, die eine ganz andere Ansicht vertreten als ich. Ich verhandle nicht mit Nazis, nur damit das klar ist, aber ich rede berufsbedingt auch mit konservativen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Ich spreche mit Kindern und Jugendlichen über Rassismus und Vorurteile, was meiner Meinung nach wichtiger ist, als intellektuelle Wortgefechte, demütige Selbstkasteiung ob den Schwächen unseres Landes oder platte Beschimpfung von konservativen Kreisen. Ich gehe abstimmen, und versuche so, mein Land in die Richtung zu bewegen, die ich für richtig halte.

Nein, ich bin nicht stolz darauf, Schweizerin zu sein, weshalb auch, ich hab dafür ja nix geleistet. Aber ich bin dankbar, in der Schweiz leben zu können, und ich werde heute, an unserem Nationalfeiertag, einen Zuckerstock abfeuern, und das, obwohl ich gerade in Italien bin. Weil ich einige Traditionen mag, weil ich gerne Schweizerin bin, weil man die Feste feiern soll, wie sie fallen.

So. Und jetzt entschuldigt, wir suchen uns nun ein gemütliches Ristorante und essen Pizza, als gäbe es kein Morgen.

Nachtrag: Zuckerstock, am Strand von Alassio:

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Jul 21, 2014 - Alltag    No Comments

Das Wickelkleid-Debakel.

Ein grauer Tag, im eh schon wenig pittoresken Olten schüttet es, als hätte Petrus was im Auge. (Böse Zungen behaupten, er habe sich zuvor Olten mal genauer angesehen, aber das nur am Rande.) Was tun, um dem Tag eine hoffnungsvollere Wendung zu geben? Anstatt nach Hause zu fahren und endlich mal wieder ordentlich zu putzen und Wäsche zu waschen, greife ich kurzerhand zum Handy und rufe, wen sonst, Mama Änni an.

“Hallo, Mama, was machst du so? Mir ist langweilig…” “Dann komm her! Und bring beigen Faden mit!!”

Gesagt, getan. Der aufmerksame Leser kombiniert: Genau, da liegt noch ein unfertiges Wickelkleid bei Ännis Mama rum. Dieses heute fertig zu nähen, ist das erklärte Ziel. Doch: Das wäre alles viel zu einfach gewesen.

“Himmelarsch und Zwirn…” Die Flüche von Mama Änni schallen unschön durch die durchaus pittoresken Emmentaler Hügel. Grund der mütterlichen Entgleisungen: Vreni, ihr erinnert euch, die unvergleichliche emmentalische Nähkurs-Koryphäe, hat mir nach Abschluss des Jeanskleides noch im Husch-Husch-Verfahren erklärt, wie ich das Wickelkleid nähen soll. Leider war die gute Dame zu dem Zeitpunkt ziemlich im Stress, was dazu führte, dass sie mir kurzerhand erklärte, nein, also die beiden Brustteile doppelt nehmen, also, das solle ich mir sparen, das mache das Sommerkleid nur unnötig dick, also, das soll ich einfach ignorieren. Nun ja. Wie sich am Ende von vielen nicht jugendfreien Flüchen aus dem Munde meiner betagten Mutter herausstellte, hätten diese doppelten Brustteile dazu geführt, dass durch die Naht automatisch das Dekolletee, die Armlöcher und den Halsausschnitt versäubert gewesen wäre. Hätte gewesen sein sollen, würde gehabt haben werden.

Und nun? Mama Änni schnurpfelte mehrere Stunden am Kleid herum, fluchte dazwischen erneut unschön und versuchte, mit Stoffresten und aufgetrennten Overlock-Nähten zu retten, was noch zu retten war.

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Anprobe mit noch unvorteilhafter Bauchpartie und Überlänge

 

Und ich? Ich entfernte mich wohlweislich, denn wenn meine Mama wirklich gereizt ist, ist es für alle Beteiligten das Beste, einen gewissen Sicherheitsabstand einzuhalten. Im Versuch, meine kampflustige Mama zu besänftigen, griff ich zu einem naheliegenden Hausmittel: Sven Epineys Schokoladenkuchen. (Für Nicht-Schweizer: Sven ist quasi die Heidi Klum der Schweiz, sobald man nichts böses ahnend den Fernseher anschaltet, strahlt einen Svens LSD-Grinsen entgegen. Aber: Sein Schokokuchen, der ist ganz ok.)

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Svens Kuchen, Grosstantis Milchkrug

Das Zuckerkoma, das sich erwartungsgemäss ab dem dritten Stück dieser Kalorien-Schleuder einstellte, beruhigte zwar wie erwartet in beträchtlichem Ausmass die Nerven meiner angesäuerten Mama, er führte aber auch zu diversen euphorischen Visionen, und das, ich will ehrlich zu euch sein, durchaus generationenübergreifend.

“Du Mama, ich hab da im Internet ein Foto gesehen, also da hat eine dieses Schnittmuster einfach als Wickelshirt abgekürzt, das muss ich dir zeigen, also, das sieht super aus!” “Mmh, ja, doch, das sieht nicht schlecht aus, aber du hast ja gar keinen Stoff mehr?” “Ja, also, ich hab mir gedacht, also, ich könnte ja morgen nochmals los, aber ja, da muss ich wieder nach Aarau oder Langenthal, also, das ist halt wieder weit…” “Hmm, also, wir könnten ja zum Heini, du weisst schon, dort in Hinterpfupfigen, also, der hat ja die beste Auswahl schweizweit, und das zu guten Preisen, also, wir könnten ja jetzt gleich los?!”

Der Heini, ein Urgestein des emmentalischen Detailhandels, eine Art “Einkaufszentrum für Landeier”, hat auf der enormen Ladenfläche nicht nur Yoghurt aus der dorfeigenen Käserei, ungeniessbaren Gratiskaffee und hässliche Kleidung bis Grösse 56, nein, er führt auch enorme Mengen an Wolle und Stoff. “Wäre ja auch verheerend, wenn man in einer der dreissig Plastikboxen mit Stoff mal den Boden sehen würde”, grummelte der Papa, und schon waren meine Mama und ich beim Heini. Das wohl – in diesem Fall wohl wirklich schweizweit – hässlichsten “Einlaufszentrum” ever, in dem die urchigen Konsumenten auf Schnäppchenjagd in den Melkerblusen und Augenkrebs-Röcken herumwühlen, enttäuschte auch heute nicht. In den lieb- und konzeptlos aufgetürmten Stoffbergen den Überblick zu behalten, ist ein Ding der Unmöglichleit, aber wer wühlt, der findet. “Oh, guck mal, Mama, dieser bestickte rosa Stoff, meine Güte, ist der schön…” “Meine Güte, du hast recht!! Aber der ist nicht geeignet für dein Schnittmuster, das weisst du doch, oder?” “Ja klar, aber guck mal, wie schön der ist…” “Meine Güte, du hast recht!! Oh, und der würde WUNDERBAR zu meinem grauen Rock passen, so als leichte Jacke…” “Meine Güte, du hast so recht!!”

Ähm ja. Ich kürze an dieser Stelle mal ab. Stunden später verlassen wir den Heini, den Einkaufswagen voll mit Stoff und Mercerie. Hier meine ergatterten Schätze:

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Einmal Jersey-Stoff für ein Wickelshirt wie auf dem besagten Foto. (Von diesem Stoff ist meine Mama deutlich begeisterter als ich. Klar, wunderbare Farben, aber das Muster?… Egal, ich solle jetzt nicht lange diskutieren, sondern den einfach kaufen, hiess es.)

 

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Und einmal wunder- wunderbaren Jersey für ein zweites Wickelkleid, diesmal MIT doppelten Brustteilen.

 

Hach. Morgen geh ich wieder zu meiner Mama, und dann nähen wir, bis die Maschinen rauchen.

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