Dez 30, 2016 - Alltag    No Comments

Äusserlichkeiten.

Vor kurzem fühlte ich mich grandios. Nicht, dass das etwas besonderes wäre, nein, ich fühle mich meistens ziemlich grandios, grandios ungeschickt, zum Beispiel, oder grandios verpeilt, gerne auch grandios müde, aber wie auch immer, ich fühlte mich also grandios, und zwar in diesem Falle grandios vorurteilsfrei.

Es ging um Tattoos und Piercings und Tunnel und so weiter und so fort, und der Tenor des Gesprächs war gerade irgendwo bei „aber irgendwo ist dann auch echt Schluss mit gesellschaftlich akzeptabel“, „also als Versicherungsvertreter kannst du das echt nicht bringen mit sichtbaren Tattoos“ und „ich würde die Bank wechseln, wenn mein Vermögensberater tätowiert und gepierct daher käme“ angelangt, als ich ein lockeres „so? Ich nicht.“ in die Runde schmiss – und mir ab da grandios vorkam.

Es ist so, ich glaube nicht, dass ich je eine Bank, eine Versicherungsgesellschaft oder einen Zahnarzt danach aussuchen werde, ob die Mitarbeitenden nun sichtbare Piercings und Tätowierungen tragen oder nicht. Wozu auch? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Versicherungsvertreter besser arbeitet, nur weil er keine Tattoos trägt. Ich glaube nicht, dass ein Nasenpiercing irgend einen Einfluss auf die Kompetenz einer Zahnärztin hat, ich glaube genau so wenig, dass eine Bankangestellte ihren Job nicht seriös ausführen kann, weil sie einen Lippenstift trägt, der mir nicht gefällt, oder dass ein Buchhalter ungeeignet ist für seinen Job, weil er scheussliche Krawatten – oder eine Augenklappe / Rastas / ein Kopftuch / eine Taucherbrille / einen engen Paillettenfummel bei der Arbeit trägt. Was hat das eine (die äussere Erscheinung) mit dem anderen (Kompetenz) zu tun?

Ich fühlte mich also wie erwähnt immer noch ziemlich grandios, moralisch überlegen wie schon lange nicht mehr, als ich heute nichts Böses ahnend durch die Tür eines Coiffeurgeschäftes trat.

Man muss dazu wissen, ich hasse Coiffeurbesuche und vor allem hasse ich Coiffeurbesuche in Geschäften, in denen ich noch nie war. Über Jahre hinweg fuhr ich durch die halbe Deutschschweiz, nur um mir meine Haare nach wie vor von „meiner“ Coiffeuse schneiden zu lassen – doch dann bekam die ein Kind und hörte auf, dort zu arbeiten. Mein nächster Coiffeur war dann nahe an meinem Wohnort und machte seine Sache wirklich gut – bis er einmal mit einer Kundin ein Gespräch über Flüchtlinge führte, das bei mir immer noch Übelkeit auslöst, wenn ich nur daran denke. Somit disqualifizierte er sich in alle Ewigkeiten, was wiederum dazu führte, dass ich also heute zum ersten Mal über die Schwelle dieses Geschäftes trat, um mir die Haare schneiden zu lassen.

Ich trat ein, und mir stockte der Atem. Eine junge Frau trat mir entgegen, und ich musste zwei, dreimal zwinkern, um sicher zu gehen, dass es sich nicht um eine grausame Fata Morgana handelt – ich hatte jedoch Pech, und die Erscheinung stand nach wie vor vor mir. „Sie haben einen Termin?“ Sie lächelte mit professioneller Freundlichkeit, und ich wurde mir gewahr, dass ich augenblicklich aufhören musste, sie unverhohlen anzustarren. „Ja“, würgte ich hervor und versuchte, mich innerlich wieder zu beruhigen: „Sie begrüsst mich nur. Sie wird mir meinen Mantel aufhängen und mich zu meinem Platz führen. Dann wird die „echte“ Coiffeuse kommen, und alles wird gut. Ommm.“

Die junge Frau führte mich in der Tat zu meinem Platz. Leider zupfte sie dann an meinen Haaren herum und wollte wissen, wie ich sie denn geschnitten haben wolle. Grauen machte sich in mir breit.

Wie soll ich sagen? Die junge Frau, und es tut mir wirklich leid, so oberflächlich zu sein, sah in meinen Augen wirklich aus, als ob sie eine Reihe unschöner Unfälle hinter sich hätte. Zuerst, vermute ich, fiel sie wohl in einen riesigen Topf mit Wasserstoffperoxid, wahrscheinlich mit dem Kopf voran. Ich weiss ja auch nicht, wo solche riesigen Töpfe einfach so rumstehen, dass man als junge Frau da einfach so reinfallen kann, aber so musste es gewesen sein. Vielleicht war der Topf lediglich mit losen Brettern abgedeckt, sie wollte da drüber klettern, warum auch immer, und dann knirschte es, ein morsches Brett gab nach, und mit einem gellenden Schrei fiel die unglückselige junge Frau in den riesigen Topf voller beissender Chemie.
Es dürfte sie einige Zeit gekostet haben, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien, und man muss ihr an dieser Stelle echten Respekt aussprechen, denn wer kann schon von sich sagen, dass er sich aus einem riesigen Topf voller Wasserstoffperoxid befreien konnte?! Jedenfalls, ich kann nur erahnen, dass die junge Frau danach weiterhin in Kletterlaune war, vielleicht trainierte sie ja gerade Hürdenlauf?! Sie kletterte also über das nächste riesige Hindernis, ein ebenso immenser Topf mit Selbstbräuner, als sie einen unbedachten Schritt tat, ins Leere trat und wiederum mit einem gellenden Schrei in freiem Fall in die unendlichen Weiten des Selbstbräuner-Topfes entschwand. Das arme Ding!! Kann es etwas Grauenvolleres geben, als nach einer mühseligen Flucht aus dem Wasserstoff-Topf ausgerechnet noch in einen Selbstbräuner-Topf zu fallen?! Aus dieser weiteren misslichen Lage zu fliehen hat die junge Frau offenbar sehr viel Zeit gekostet. Ich kann aufgrund ihres Äusseren nur vermuten, dass es wirklich knapp wurde und sie sich in letzter Minute, als sie kurz davor stand, sich selber in Selbstbräuner zu verwandeln, in einem wahren heroischen Kraftakt aus diesem furchtbaren Topf befreien konnte. Leider, so scheint es, hatte sie danach nicht mal kurz Zeit, um einmal gründlich durchzuatmen. Nein, das Schicksal hatte es wirklich nicht gut mit ihr gemeint! Da stand sie, knapp dem Verderben entronnen, als der Boden unter ihr schon wieder nachgab, und sie wiederum laut schreiend und Kopf voran in ein riesiges Becken voller billiger Wühltisch-Kosmetik stürzte. Dort blieb sie erst einmal ziemlich lange genau so stecken, den Kopf tief in grellem, pinkfarbenen Lippenstift, knallblauer Mascara, lila Glitzer-Lidschatten, rotbraunen Augenbrauenstiften und Flüssigmakeup von der Farbe von Durchfall vergraben. Es wird, so wie ich das sehe, wohl kaum möglich gewesen sein, dass sie sich alleine wieder befreien konnte, und ich denke, sie wird, mit dem Kopf nach wie vor eingesteckt und mit den Armen wild durch all die Farbtöne rudernd, irgendwann von einem Bernhardiner samt Fass am Nacken dort rausgeschleift worden sein. Wie es sich für einen Bernhardiner gehört, wird er ihr im Rahmen der Wiederbelebung mit dem Fass noch zünftig Wasser über den Kopf geschüttet haben und ihr danach mit seiner riesigen Zunge liebevoll das Gesicht abgeschlabbert haben. Es ist echt unglaublich, möchte ich an dieser Stelle noch anfügen, dass sich die junge Frau nach diesen ganzen schauderhaften Vorfällen dennoch pflichtbewusst direkt zu ihrem Arbeitsort aufgemacht und sich dort, als wäre nichts gewesen, die Coiffeusenschürze umgebunden hat. So viel Einsatz für den Arbeitgeber gibt es heutzutage ja kaum noch von so jungen Leuten!!

Jedoch, und das frage ich mich wirklich: Was habe ich verbrochen, dass ausgerechnet ich auf diesem Stuhl sitze, während die so grauenvoll verunfallte Coiffeuse die Schere hervorpackt? Ich meine, die Gute hatte eine furchtbare Nacht, ihr Hürdenlauftraining geriet völlig ausser Kontrolle, sie muss völlig neben sich stehen?!

Wie dem auch sei, ihr erahnt die Pointe: Nein, auch ich bin nicht gefeit vor Äusserlichkeits-Vorurteilen. Wenn sich jemand um mein Aussehen kümmert, der aussieht wie diese junge Dame, gehen bei mir diverse Alarmglocken los. Aber, um die im Raum stehende Frage abschliessend zu beantworten: Ja, sie hat meine Haare akzeptabel geschnitten, nein, ich kam ohne gebleichte Haare und Selbstbräuner da wieder raus, und ja, sie hat nur kurz gezuckt, als ich ihr offenbarte, dass ich meine Haare mit Henna färbe.

Nov 21, 2016 - Alltag    No Comments

News aus Ökostan.

Ich habe eigentlich nicht den Hang dazu, Sachen so richtig „durchzuziehen“ – dazu fehlt mir, wie an anderer Stelle beschrieben, schlicht die Disziplin (und immer noch befällt mich eine mysteriöse Übelkeit, wenn ich dieses Wort auch nur schon tippe). Jedenfalls, ich bin Motivations-mässig eher so der Typ „Stubenfliege“: „Oh, ein Krümel, wie aufregend, ich werde gleich mal… oh, ein Lichtstrahl, wie aufregend!!“ Das hat nicht nur Schlechtes: Ich bin leicht für irgendwas zu begeistern, und meine Begeisterung fällt dabei deutlich intensiver aus, als bei der disziplinierten Mehrheit. Dass ebendiese Begeisterung schon einen Tag später komplett verflogen sein kann, tja, das ist dann halt die Kehrseite der Medaille – oder so.

Phü, das war jetzt eine verflixt lange Einleitung ohne bisherigen Bezug zum eigentlichen Thema… Eigentlich wollte ich nur folgendes klarstellen: Normalerweise verflüchtigt sich mein Enthusiasmus für ein Thema etwa so schnell wie ein Furz in der Laterne. Im Bereich „Projekt Umwelt“ jedoch zeichnet sich eine Ausnahme ab. Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass es was mit Ethik zu tun hat. Wenn man sich erst einmal mit Ökologie und Konsum auseinander gesetzt hat, ist es ethisch gesehen recht schwierig, das einfach so von einem Tag auf den anderen wieder auszublenden. Für mich, zumindest.

Ich möchte also weiterhin die Zerstörung des Planeten durch meine blosse Existenz so gering wie für mich möglich halten, was dazu führt, dass ich nach wie vor mein Konsumverhalten verändere. Ich konzentriere mich dabei vor allem auf Dinge, die ich täglich verwende, dazu gehören die Körperpflege-Produkte, um die es im Folgenden gehen soll:

Shampoo & Dusch
Schon seit sehr lange verwende ich kein herkömmliches Shampoo mehr. Seit ich im August eine riesige Aleppo-Seife gekauft habe (die ist zu 100% natürlich, kommt ohne Verpackung daher & riecht ziemlich deftig nach Olivenöl), verwende ich die als Shampoo. Selten (in letzter Zeit aber kaum noch) nehme ich das Shampoo in der Plastik-Flasche von Lavera (Zitat Öko-Drogistin: „Mehr Bio geht nicht.“). Ausserdem spüle ich meine Haare ab und zu mit Zitronensaft, wegen dem Kalk im Wasser. Ausserdem habe ich mir in einem Anfall eine Haarspülung von Melvita in einer Plastiktube gekauft, bin damit aber nur mässig zufrieden. Insgesamt kann man sagen: Seit Mai habe ich exakt 2 Plastik-Flaschen Shampoo und 1 Plastiktube mit Spülung gekauft (wobei mein Freund das meiste Shampoo verbraucht hat). Plastikflaschen für Duschmittel habe ich für mich keine einzige mehr gekauft. Ich benutze nur noch feste Seife, seit August die Aleppo-Seife, die ich auch für die Haare verwende. Weil die bald alle ist, habe ich im Internet neue, vegane, handgemachte Haarseife bestellt. Es wird jedoch wohl wohl noch ein Weilchen dauern, bis die da ist.

Haarfarbe
Ja, ich färbe meine Haare, und das, seit ich 15 bin. Unmengen an Chemie habe ich mir in dieser ganzen Zeit in die Haare geschmiert, in einer kurzen Hippie-Phase war es Henna. Mit Anfang 20 habe ich mir dann geschworen, diese krümlige, stinkende Masse, die man mehrere Stunden (!!) einwirken lassen muss, nie wieder zu verwenden. Tja. Wie soll ich sagen: Ich habe meinen Vorsatz gebrochen. Noch im Sommer war ich beim Coiffeur und liess mir eine chemisch stinkende Coloration machen, als mir klar wurde, dass sich das irgendwie total mit meinem Haarseifentum beisst (der Begriff „Haarseifentum“, da muss ich ehrlich sein, begeistert mich enorm – „bist du katholisch?“ „Nein, ich fröne dem Haarseifentum.“ „Ah.“) . Alle Chemie, die mir auf den Kopf geschmiert wird, landet im Abwasser und dann irgendwann in einem Fluss, wo sie Lebensräume vergiftet. Eine enorm simple Erkenntnis, schon klar, aber ich brauchte auch da relativ viel Zeit, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich meine Haarfärberei umstellen muss. Meine Haare, ihr Zustand und ihre Farbe sind mir wichtig, ich bin vielleicht ein Öko geworden, aber immer noch einigermassen eitel. Jedenfalls, das gärte in meinem Kopf mehrere Monate, bis ich mich entschloss, nach einer 100% natürlichen Coloration Ausschau zu halten.

Prompt fand ich ein Produkt, das diesen Kriterien entsprach, und schon schmierte ich mir wieder eine stinkende Paste auf den Kopf, versaute das ganze Badezimmer und musste 2 Stunden eine übel riechende, bröcklige Masse auf meinem Kopf tolerieren. Das Ergebnis war wenig spektakulär (kaum eine Farbänderung), aber wenigstens glänzten die Haare danach schön.

Der Ansatz wuchs aber flott vor sich hin (man sieht einen deutlichen Unterschied zwischen „chemisch getönte Haare“ und „nicht chemisch getönte Haare“), und der Wunsch nach einer vereinheitlichenden Coloration trieb mich schliesslich dazu, dass ich mit Mitte 30 tatsächlich wieder einen Block Henna kaufte. Dass mir die beängstigend euphorische Verkäuferin versehentlich eine französische Anleitung dazu gab, konnte meine Euphorie nicht dämpfen, und so zerlegte ich mit eisernem Willen (und einer leisen Stimme im Kopf, die fragte „was zur Hölle tust du da?!“) und einem scharfen Küchenmesser in einer ziemlich unwürdigen Zeremonie den Henna-Block, um ihn mit kochendem Wasser zu einer nach angefaultem Heu riechenden Paste zu vermengen. Auch jetzt versaute ich im grossen Stil den Boden, aber ich hatte dazugelernt und war dieses Mal wenigstens in der gefliesten Küche. 2 Stunden, viel Gebrösel und Geputze später stand fest: Die Hennavariante „Marron“ ergibt auf meinen Haaren keineswegs wie von der kaugummikauenden, üppig gepiercten und mich duzenden Verkäuferin angekündigt, „hellbraun“, sondern einen penetranten Kupferton, je nach Lichteinfall geradezu orange. UND DAS SIEHT BEI MEINEM TEINT SCHEISSE AUS!! Und nein, nicht nur „ein bisschen Scheisse“, wie damals mit der Mittelalterseife. Da will man nett zur Natur sein, und dann zahlt sie einem das so heim. Was solls. Ich warte jetzt, bis ich mich wieder überwinden kann, wieder einen „Lush“ zu betreten (und nein, meine Abneigung hat mit dem hippen, barfuss arbeitenden Verkaufspersonal nichts zu tun, ehrlich) und dort den nächsten nach angefaultem Heu stinkenden Klotz zu kaufen, diesmal, Nomen est Omen, werde ich „Brun“ kaufen. Und dann werde ich euch davon erzählen, ob ihr wollt oder nicht, versprochen.

Zahnpasta
Das mit der Zahnpasta ist eine echte Knacknuss. Irgendwie scheint bis anhin niemand auf die Idee gekommen zu sein, ein Zahnpflegeprodukt zu erfinden, das nicht in einer Plastiktube daher kommt. Jedenfalls, ich habe zumindest mal versuchsweise auf ein umweltschonendes Produkt von Melvita umgestellt. Gar nicht schlecht, aber, ich muss ehrlich sagen: Die Kosten für 1 Tube entsprechen ziemlich genau dem Doppelten, was wir normalerweise für 1 Tube ausgeben. Das ist ganz schön extrem, und ich weiss nicht, ob wir uns das längerfristig wirklich leisten können, bzw., ob ich da die Priorität nicht auf die Lebensmittel lege (die sind nämlich in Bio-Qualität schlicht einfach deutlich teurer, das kann man nicht schönreden, Punkt.) Wir leben budgetmässig auf bescheidenem Level, und irgendwo müssen wir halt Abstriche machen. Die Frage ist immer nur, wo.

So, das wären sie, die News aus Ökostan. Inhaliert sie tief und tragt die frohe Kunde samt dem Geruch nach fauligem Heu einmal rund um den Globus. Auf das Haarseifentum!

 

Eine für alle(s): Alepposeife. Hat man aich an den herben Geruch mal gewöhnt, kann man daran eigentlich wenig aussetzen.

Eine für alle(s): Alepposeife. Hat man sich an den herben Geruch mal gewöhnt, kann man daran eigentlich wenig aussetzen, ausser, man hat trockene Haut, dann sollte man mit Bodylotion nachfetten nach dem Duschen.

 

 

img_9310

Aktion „Henna“: Vorher.

 

img_9329

Aktion Henna: Während.

 

 

img_9374

Aktion Henna, danach: „What the Kupfer?!“

 

img_9377

Aktion Henna, nach danach: Resignation.

Seiten:1234567...101»
elektronik sigara