Okt 4, 2014 - Alltag    2 Comments

Änni an der Viehschau.

Gut ein halbes Jahr ist es her, dass mich mein Brüderchen, Biolandwirt in der voralpinen Hügelzone und stolzer Viehzüchter, vor eine offenbar undiskutable Tatsache stellte: “Wir haben Jubiläumsviehschau, du musst als Helferin mitmachen, kannst aussuchen, als was.” Zur Auswahl standen ruhmreiche Tätigkeiten wie “Festwirtschaft”, “Kühe waschen” oder “Parkdienst”. Während ich noch in Betracht zog, als Service-Kraft mein Bestes zu geben, holte mich meine Freundin, die mir anno ’99 meinen ersten und letzten Job im Service (bzw. am Bierhahn) eines Strassenfestes besorgt hatte, unsanft auf den harten Boden der Tatsachen zurück: “Service?! Mein Gott, du weisst doch, dass du das nicht kannst!”

Weil sie – wie immer – leider recht hatte, und weil ich mir den Job als Servierdame im bäuerlichen Umfeld auch recht anstrengend vorstellte, wählte ich schliesslich doch die glamouröseste aller Aufgaben: “Kühe waschen”. Selbstverständlich meldete ich auch gleich meinen Freund mit an, im Bestreben, ihn an meiner Agrar-Herkunft teilhaben zu lassen (natürlich war DAS der Grund, hämische Schadenfreude hatte nichts, aber auch gar nichts damit zu tun!).

Die Monate vergingen, die Viehschau war schon fast vergessen, als plötzlich per Post der Einsatzplan der Helfer zugestellt wurde. Gross war die Freude meines nicht-bäuerlichen Freundes, als er feststellte, dass er offenbar zum “Kühe vorführen” auserkoren wurde, ein Umstand, den er nach hektischen Telefonaten noch zu “Stammblätter der Kühe verteilen” abmildern konnte. Sogar ich, trotz hämischer Vorfreude wie immer besorgte und wohlwollende Freundin befand, dass jemand, der im Leben noch nie eine Kuh mit einem Gewicht um 600-700kg von A nach B vehikelt hat, das vielleicht nicht unbedingt an einer Viehschau, umringt von Viehzüchter-lastigem Publikum, zum ersten Mal versuchen sollte. Ich selber hatte es als Helferin in die Unterkategorie “Nummern vergeben” geschafft, worunter ich mir zwar nichts vorstellen konnte, was meinen Enthusiasmus jedoch kein bisschen schmälerte.

Der selbe Enthusiasmus erlitt dann um 6 Uhr an diesem schicksalsträchtigen Samstag Morgen, als der Wecker klingelte, doch einen ziemlichen Dämpfer, der sich auch bei Abfahrt um 06:30 bis zur Abkunft um 07:30 nicht merklich erholt hatte. Wir fanden den grossen Platz in dem kleinen Dorf auf Anhieb, schon mässig gefüllt mit muhenden und teilweise sichtlich (durchaus auch wörtlich) angepisstem Rindvieh, aber auch geschäftigen und vorfreudigen Landwirten.

“Äh ja, hallo… Ich sollte hier helfen, aber ich habe keine Ahnung, was ich machen muss und wo…” Die Frau im obligaten Senner-Hemd sah mich erstaunt an: “Was steht denn auf deinem Plan?” “Äh, keine Ahnung, den habe ich dummerweise nicht dabei…” Ihre Augen wurden noch grösser. “Wer ist denn dein Chef?” “Äh, keine Ahnung?…” Schliesslich fand ich eine Gruppe Landwirte, junge, mittelalte, alte, die offenbar die selbe Aufgabe hatten wie ich. Mir wurden eine Tasche voller Nummern in die Hand gedrückt, die wir zu dritt mit Leim auf die passenden Kuhhintern kleben sollten. Offenbar war ich hier die Quotenfrau, freundlicherweise musste ich den fleissigen Bauern nur die richtige Nummer raussuchen, so dass ich sowohl vom tropfenden Leim wie auch von den je nach Konsistenz strömenden und flockig fallenden Kuhexkrementen weitgehend verschont blieb. Während ich also den beiden Landwirten hinterherstolperte, besann ich mich auf die Strategie meiner Kindheit für solche Anlässe: “Hauptsache nicht im Weg stehen”. Für alles andere war ich zeitlebens immer zu ungeschickt und zu langsam, und ich hatte mit angewöhnt, wenigstens den oft relativ derb ausfallenden Groll der männlichen Agrartätigen nicht dadurch heraufzubeschwören, indem ich unpassenderweise am falschen Ort zur falschen Zeit stand und so das geschäftige Herumvehikeln von Rindviechern, Traktoren und Viehtransportern unnötig aufzuhalten.

Während ich also geflissentlich nicht im Weg stand und in den Nummern für die gut 250 Kühen wühlte, wurde ich von einem der mittelalten bis alten Viehzüchtern mit einem sanft ergrauten Rauschebart überschwänglich begrüsst: “Hoi Änni!” Er strahlte von einem Bartende zum anderen, und ich versuchte, möglichst gleich euphorisch zurückzugrinsen: “Hoi, äh… hoi!” “Wuahahaha, du hast keine Ahnung, wer ich bin, wuahahaha…” “Ja, äh, nein, habe ich nicht.” Er stellte sich umgehend mit Vor- und Nachname vor, ich schüttelte betont energisch seine dargebotene Pranke, strahlte so gut ich konnte und hatte nach wie vor keine Ahnung, wer er war, geschweige denn, woher ich ihn kennen sollte. Ein Ritual, das sich im Verlaufe des Tages mehrmals wiederholen sollte.

Während ich meine offensichtliche Deplatziertheit in all den strammen jungen Bauern und tüchtigen jungen Frauen in Sennen-Kuttelis, Chüiermutz und Älpler-Blusen mit einer Mischung aus mildem Sarkasmus und vielen Déja-vu’s zur Kenntnis nahm, erklang plötzlich ohrenbetäubender Lärm, und die ersten Kuhherden, die traditionsgemäss zu Fuss, teilweise über 10km weit hergetrieben wurden, erreichten den Platz. Diese vor Stolz schier platzenden Bauern samt Familie, allesamt im Chüiermutz, Sennenchutteli, Tracht etc., mit ihren sorgfältig zurechtgemachten Kühen, die schönsten Glocken und Treicheln umgehängt, teilweise mit Blumen geschmückt, all das liess meinen Sarkasmus in erstaunlichem Ausmass schmelzen. Ich mochte noch so deplatziert sein, aber ich freute mich unweigerlich mit, für die stolzen Landwirte samt Anhang, für die herausgeputzten Kühe, für die zahlreiche Besucher des Festes, für die Organisatoren. Es war und es ist nicht meine Welt, aber auch das ist Kultur, es gehört zu meinen Wurzeln, es verbreitet Freude.

Irgendwann erschallte dann ein Lautsprecher, der verkündete, nun sei Zeit fürs Apero, das allen Viehzüchtern, Helfern und Besuchern gespendet würde. Ich bewaffnete mich flugs mit einem Glas Weisswein und gesellte mich zu meinem Brüderchen, um über Euter und Milchleistungen zu fachsimpeln, als sich eine ebenfalls unbekannte ältere Frau ins Gespräch einmischte. Sie sei neu im Dorf, finde Viehschauen super, das sei noch Heimat, da treffe man noch Schweizer, in Züri dagegen sei das überhaupt nicht mehr so, sie sei nicht rassistisch, aber diese Ausländer, wo das noch hinführe und sowieso.

Ich sah zu, dass ich wegkam und besuchte meinen arg gestressten Freund, der beim Vorführen der wohlfrisierten Rindviecher dem Experten, einem humorlosen Typen im weissen Kittel, das Datenblatt der Kühe aushändigen musste – selbstverständlich musste er in Ausübung dieser wichtigen Funktion ein Sennechutteli tragen, das man ihm grosszügigerweise ausgeliehen hatte. Ich verfiel bei dem Anblick in debiles Kichern, den Versuch, ihn in diesem Aufzug und am besten noch mit einer Milchkuh zu fotografieren, boykottierte er leider nachdrücklich.

Alles in allem schien der Job meines Freundes immer noch besser als der Job meiner Schwestern, die sich tatsächlich bei “Festwirtschaft” eingetragen hatten, und bei den Unmengen von Gästen an diesem sonnigen Oktobertag von 09:00 bis 16 Uhr mit endlosen Portionen an Bratwürsten, Bier, Steaks und Pommes herumrennen mussten, während mein glorioser Einsatz um 09:00 bereits beendet war. In der Service-Truppe entdeckte ich eine ehemalige Mitschülerin, an die ich mich sogar mit Vornamen erinnerte. Ich sagte hallo und fragte, was sie so mache. “Ich bin nicht verheiratet”, meinte sie ernst. Etwas verdattert meinte ich, nun ja, öhm, ich sei auch nicht verheiratet. Da lachte sie schallend, was das Verdatterungs-Level nicht unbedingt senkte, und erklärte mir schliesslich die Pointe: Offenbar hatten wir damals, in der 4. Klasse, gewettet, wer eher heiraten werde.

Beim viehzüchterischen Höhepunkt, dem Vorführen der best prämierten Milchkühen konnte ich mir einige sarkastische Kommentare zur Vergabe der “Protein-Glocke” dann doch nicht verkneifen. Aber spätestens als ich dann schliesslich irgendwann mit meiner Mama in den heimischen Hügeln auf der Terasse in der Sonne stand, um die heimkehrenden Kuhherden und zugehörigen Bauernfamilien zu begutachten, allesamt erschöpfter und dreckiger als am Morgen, nichtsdestotrotz immer noch beeindruckend, musste ich mir eingestehen: Ja, er hat Spass gemacht, der Ausflug in diese fremde Welt. Wirklich heimisch fühlen werde ich mich dort trotzdem nie.

Sep 10, 2014 - Alltag    1 Comment

Die Akte Schneewittchen.

Die Grundidee dieses wunderbaren Bühnenstückes entstand während einem Improtheater mit Teenies. Keine Angst: Im Original war es deutlich jugendfreier und harmloser. Die stereotypen Darstellungen der Charaktere ist gewollt, der Terror-Troll stammt ursprünglich aus Spreitenbach und hat eine urschweizerische Ahnenreihe bis hin zum Tell, und ich vermittle beruflich keine solchen Frauenbilder, alles klar?! Wer Mühe hat mit politisch inkorrektem Humor: Einfach wegklicken, danke.

Die Akte Schneewittchen

Szene: Gerichtssaal. Der Richter schwingt den Hammer und brüllt dem Gerichtsdiener zu:
“Bringen Sie mir den Angeklagten Nummer 1 rein!”

Auftritt Terror-Troll: Ein halbwüchsiger, schmächtiger Typ mit verschlagenem Blick und besorgniserregend tief sitzenden Hosen schlurft gemächlich rein.

Richter: “So, Name bitte!”
Troll: “Ey Mann, easy, ja?”
Richter: “Ihren Namen!!”
Troll: “Deine Mutter oder was?!”
Richter (baut sich drohend auf): “Fertig lustig, Freundchen, wer zur Hölle sind Sie?!”
Troll: “Eh, easy Mann, ja? Bin ich Terror-Troll, Mann.”
Richter (notiert den Namen): “Soso. Also, Herr Terror-Troll, was sagen Sie zu den Vorwürfen?”
Troll: “Eh, Mann, hör auf mit Vorwürfen, Mann, diese verdammten Zwerge, Mann, wirf die mal vor, eh?”
Richter, stutzt: “Die sieben Zwerge?!”
Troll: “Eh, nix sieben, Mann, sind zwei Zwerge, zwei verblödete Zwerge, ich sag dir, zwei Scheiss Zwerge, haben geklaut mein Zeugs!”
Richter, verblüfft: “Die sieben Zwerge? Die hinter den sieben Bergen? Sollen geklaut haben?!”
Troll: “Eh, nix sieben, sag ich dir, Mann, zwei Zwerge, sind nur zwei, sag ich.”
Richter (notiert murmelnd: “nur zwei Zwerge!”): “Also, Herr Terror-Troll, was genau werfen Sie den besagten Zwergen nun vor? Worum ging es bei dem Diebstahl?”
Troll: “Eh, mein Zeug, sag ich dir, haben die geklaut mein Zeug!”
Richter (notiert murmelnd: “haben geklaut sein Zeug.”): (zum Gerichtsdiener): “Also, wenn das so ist: Bringen Sie mit diese zwei Zwerge rein! (Zum Troll): “Sie können wieder ins Untersuchungshaft-Zimmer.”
Troll: “Eh Mann, was soll der Scheiss, bin ich voll korrekt, Mann, diese Zwerge, ich sag dir, musstu was tun gegen diese Zwerge!”
(Troll schlurft misslaunig von dannen)

Auftritt der zwei Zwerge:
Zwei kleine, nachlässig gekleidete Typen mit Rastazöpfen und Häkelkäppi spazieren gemütlich zum Richterpult und fläzen sich entspannt hin.

Richter: “Name!”
Zwerg 1: “Also ich bin der Zwerg 1, die Number One, quasi.”
Zwerg 2: “Mich können Sie Zwerg 2 nennen, ich bin die Number Zwei.”
Richter, streng: “So, ihr Scherzkekse, ihr werdet angeklagt, dem Terror-Troll sein Zeugs vorsätzlich geklaut zu haben!”
Zwerg 1: “Hä, Zwerg 2, hast du dem Terror-Troll was geklaut?”
Zwerg 2: “Voll nicht, nein, hast du was geklaut?”
Zwerg 1: “Nö, hab ich nicht.” (Zum Richter): “Also, Herr Richter, wir haben das geklärt: Weder Zwerg 2 noch Zwerg 1 haben vorsätzlich Zeugs geklaut. Aber voll nett, dass Sie uns gefragt haben.”
Richter, genervt: “Da ist noch nichts entschieden!! Der Richter bin immer noch ich!! Wie, äh, wie steht ihr eigentlich so zu dem Terror-Troll? Was ist das für eine Beziehung?”
Zwerg 2, erstaunt: “Beziehung? Also, äh, Zwerg 1, hast du ne Beziehung mit dem Typ?!”
Zwerg 1, empört: “He, ich hab doch keine Beziehung mit nem Troll!! Was setzst du wieder für Gerüchte in die Welt?! Immer dieser elende Tratsch unter Zwergen, ich hab das satt!! Lästermäuler, ehrlich… (Zum Richter:) Von wegen Beziehung: Dieser Vollpfosten von einem Troll hat uns unser Schneewittchen ausgespannt, so einer ist das, jawoll!!”
Richter, sarkastisch: “Schneewittchen? Natürlich. Trolle, sieben Zwerge, Schneewittchen. Fehlt nur noch ein verdammter sprechender Spiegel. (Zu sich selber, brummelnd): Ich hab doch gewusst, dass heute ein Scheisstag wird.”
Zwerg 1, genervt:ZWEI Zwerge, Heilandsack, wir sind zwei, sehen Sie, (deutet auf sich) EIN Zwerg, (deutet auf Zwerg 2), ZWEI Zwerge, wir sind zwei Zwerge, ZWEI, verstanden?!”
Richter, giftig: “Schön, meine werten ZWEI Zwerge, Sie können wieder in die U-Haft.” Zum Gerichtsdiener: “Bring mir diese Frau Schneewittchen rein.”

Auftritt Schneewittchen: Eine stark aufgedonnerte Tussi im Minirock und gefährlich aussehenden roten Gel-Fingernägeln stöckelt rein, setzt sich auf den Anklagestuhl und kramt ein weisses Spitzennastuch aus ihrer roten Gucci-Handtasche.

Richter, streng: “Name!!”
Schneewittchen fängt wie auf Knopfdruck an, laut in ihr Spitzentuch zu schluchzen: “Mir ist das… Huhuhu… Einfach… Huhu.. alles zuhuhu viel! Huhu…”
Richter, irritiert: “Na schön, äh… Name?!”
Schneewittchen (flennt wie ein Schlosshund): “Huhu… Ich bin… Huhu… Doch das Schneewittchen.. Huhu… Die Schönste im ganzen Land, huhu…”
Richter, entnervt: “Na schön, Frau Schneewittchen, was sagen Sie zu der Behauptung der sieben… Äh, der zwei Zwerge, sie seien von einem Troll ausgespannt worden?”
Schneewittchen (verliert engültig die Fassung und plärrt los): “Huhuhu… dieser miese Kerl… Dieser Drecksack, huhu… So mit meinen Gefühühüülen zu spielen, huhu… “
Richter, resigniert, schaut auf die Uhr an der Wand, runzelt die Stirne und seufzt tief: “Ich darf doch bitten!! Waren Sie, Frau Schneewittchen, Zeugin eines Diebstahls von Seiten der Zwerge?”
Schneewittchen, flennend: “Die Zweheherge… huhu… Diese blöden Zweheheherge… huhu… die haben meine Zeit gestohlen, huhu… versklavt, haben die mihihich… huhu…”
Richter, genervt: “Hören Sie gefälligst mal mit dem Geheule auf! Das hält ja niemand aus!!” Zum Gerichtsdiener: “Da steht Aussage gegen Aussage, führen Sie den Troll nochmal rein.”
Schneewittchen, aufgewühlt: “Nein!! Nicht diesen blöden Troll!! Huhu… Ich wihihill den niemals wieder sehehehehn, huhu… nie im Leben… huhu… dieser Mistkerl, huhu… Spielt mit den Gefühlen eines wehrlosen, huhu, Schneewittchens, huhu… Dieses Arschloch, huhu… in der Hölle soll er schmoren, huhu…”

Troll, schlurfend, erblickt das heulende Schneewittchen, zuckt zusammen: “Ey Mann, nicht diese durchgeknallte Tussi, Mann, geht das zu weit, Mann!! Hat sie nicht alle Tassen in Gefrierschrank, ich sag dir, ist sie plemplem, meine Fresse, ist sie gaga gaga, eh, balla balla, eh!!”
Richter, steht drohend auf und brüllt quer durch den Raum: “Schnauze, Mann!! Ich meine, äh, hinsetzen!!”
Der Troll setzt sich hin, Schneewittchen rutscht demonstrativ weg, holt tief Luft und fängt wieder an, zu heulen: “Mit dir red ich nicht mehr, huhu… Du hast mit meinen Gefühühülen gespielt, huhu…” (Holt nochmals tief Luft und plärrt mit erhöhter Lautstärke weiter): “Du Drecksack, du blöder, und wegen dir, huhu, hab ich diesen Scheissapfel gegessen, huhu…. (Zum Richter gewandt): “… und er hat gesagt, iss diesen Apfel, huhu, du krasse Braut, huhu, passt die Farbe voll zu deinen, huhu, rohohoten Backen, huhu…”
Troll, entnervt: “Ey kommst wieder mit diese Story, eh?! Mann, ey, war doch nicht meine Idee, hässliche Schwiegermutter, die hatte Plan mit Giftapfel, habsch dir gesagt, ey.”
Richter, hellhörig: “Schwiegermutter? Giftapfel? Wie genau hat sich das abgespielt?”
Troll: “Eh, hörste nicht zu oder was? Sag ich dir, Schwiegermutter, diese hässliche Fratze, eh, kommt mit Giftapfel, sagt, gibste den Schneewittchen, eh, braucht sie Vitamine, eh, frisst sie immer nur Fastfood, hat sie bald nur noch Problemzonen, eh, dreh ihr den Apfel an, Alter.”
Schneewittchen (holt wieder tief Luft, dreht die Lautstärke voll auf): “Wuhuhu, immer trampeln alle auf mir ruhuhuum, huhu… Seit Jahren bin ich auf Diät, huhu… diese elenden Paparazzi, immer machen sie, huhu, fiese Fotos, huhu…”
Troll: “Eh, Alte, du frisst zu viel Pizza, sag ich dir! Und magischer Spiegel, eh, sieht das voll genau so, Mann!!”
Richter, verständnislos: “Magischer Spiegel, äh, was ist denn mit diesem magischen Spiegel, Herr Terror-Troll?!”
Troll, begeistert: “Ja Mann, voll magisch, ich sag dir, kann er sagen, “eh, biste schönste Schnecke in ganze Land” und so, voll abgefahren, Mann!”
Richter, sieht resigniert zur Decke, seufzt schwer, dann, ergeben, zum Gerichtsddiener: “Bringen Sie die zwei raus, und holen Sie die Schwiegermutter samt Spiegel rein!”

Auftritt böse Schwiegermutter und magischer Spiegel: Eine stark geliftete und furchtbar überschminkte alte Frau in einem hautengen goldenen Fummel und mörderischen Higheels stolziert herein, in der rechten Hand eine Zigarette, in der linken einen Gehstock. Der Spiegel, ein genervt aussehendes “fliegendes Tablet”, schwebt missmutig daneben.

Richter, streng: “Name!!”
Spiegel, missmutig: “Ich seh aus wie ein Spiegel, ich kann sprechen und bin magisch, wer könnte ich demnach sein?!”
Richter, genervt: “Ich habe keine Zeit für Ratespiele, wer zum Henker sind Sie also?!”
Spiegel, noch missmutiger: “Meine Güte, alleine unter Dumpfbacken, das geht schon die ganze Zeit so, was hab ich eigentlich verbrochen, immer diese bescheuerten Fragen, da krieg ich Akne, echt mal, (mit übertrieben hoher, säuselnder Stimme): “Spieglein, Spieglein, wie findest du meinen neuen Lidschatten so?”, “Spieglein, Spieglein, gell, die Aurelia ist ne doofe Kuh?”, “Spieglein, Spieglein, ist dieses verdammte Schneewittchen endlich abgemurkst?” (mit übertrieben tiefer, dümmlicher Stimme):”Wer zum Henker sind Sie also?”…
Richter, unterbricht donnernd: “RUHE IM SAAL, HEILANDSACK!!” (Sieht den Spiegel wutschäumend an): “WIE IST IHR VERDAMMTER NAME?!”
Spiegel, patzig: “Magischer Spiegel, der.” (verdreht demonstrativ die Augen)
Richter (schnauft laut, wischt sich den Schweiss ab, notiert den Namen und atmet laut hörbar ein und aus): “Gut, das hätten wir geklärt.”
Zur Schwiegermutter: “So, meine Dame, und Ihr Name ist?”
Schwiegermutter, mit rauchiger Stimme: “Ich bin die schöne Königin, Schätzchen, du darfst mich aber auch Schwiegermutter nennen. SchwiegerMUTTER, hahaha… (wird vom Raucherhusten geschüttelt)… Haha. Das klingt so herrlich.. MÜTTERLICH, haha… (hustet röchelnd)”
Richter, irritiert: “Äh ja, Schwiegermutter (notiert sich den Namen), was sagen Sie zu den Vorwürfen?”
Schwiegermutter, nimmt einen tiefen Zug, beugt sich vor, mit verschwörerischer Stimme: “Also, hör mal, Schätzchen, ganz unter uns: Dieses Schneewittchen, das ist eine ziemlich hohle Nuss. Fällt auf jeden Scheiss rein, lässt sich von sämtlichen Männern ausnutzen, hahaha… (röchelt), was sag ich “Männer”, diese Tussi lässt sich sogar von ZWERGEN ausnutzen, Schätzchen, sag ich dir, also von so wirklich mikrigen Typen, hahaha… macht denen für Umme den Haushalt, einfach so, weil sie so saudumm ist. Haha… (hustet), also, Schätzchen, mir musst du nichts vorwerfen, sag ich dir, mit dieser “Brünette”, haha, als ob die Farbe echt wäre, haha, das hast du aber nicht von mir, verstehst du, also mit der hab ich nichts am Hut, die Erziehung hat ihr Vater versaut, was soll man da noch machen.”
Richter, verwirrt: “Äh.. Ja, meine Dame, da sind wir jetzt aber ein bisschen abgeschweift. (versucht, wieder Haltung anzunehmen, räuspert sich und wendet sich streng zum Spiegel): “Also, magischer Spiegel, was meinten Sie vorhin zum Thema “ist Schneewittchen abgemurkst”?!”
Magischer Spiegel, gähnend: “Ach, kommen Sie mir nicht mit diesen ständigen Fragen, immer nur Fragen, eine saudümmer als die andere, können sich denn die Menschen selber keine Antworten mehr geben? Kommt diese alte Schrulle (nickt der Schwiegermutter zu) und spielt mal wieder “frag den Spiegel”, so “uh, Spiegel, wer ist die Schönste” und so, immer das selbe Gelaber. Sag ich so, meine Nerven, schon wieder dieses Thema und so, aber, meine Güte, nun gut, du wolltest es wissen, ich bin ja voll auf Wahrheit programmiert und so, also gut, raste jetzt bloss nicht so aus wie beim letzten Mal, ja, ich hab dich gewarnt, sage ich dir, aber, na ja, wie soll ich sagen, das olle Schneewittchen ist immer noch deutlich in Führung, verstehst du, auch wenn du sie abmurksen lassen wolltest, die Schnecke ist einfach ein paar Berge weitergezogen, und lässt sich von diesen Hippie-Typen mit ihren Häkel-Käppis ausnutzen, aber ist ja ihre Sache, meine Güte, können wir nicht mal über was vernünftiges reden oder was?!”
Richter, wieder wacher (zur Schwiegermutter): “Was höre ich da, Frau Schwiegermutter, sie wollten Schneewittchen abmurksen lassen?!”
Schwiegermutter (nimmt einen tiefen Zug und pustet den Rauch kringelweise in Richtung Richter), genervt: “Alles was Recht ist, Schätzchen, das ist pure Spekulation, dieser Spiegel, ich sags dir, das ist ein hinterlistiger Schmarotzer, das war doch alles seine Idee, ER wollte Schneewittchen abmurksen, in der Tat… (Hustet röchelnd) … Jedenfalls, Schätzchen, nicht, dass diese naive Dumpfbacke jemand vermissen würde, aber, ganz unter uns, ich hab mich dann voll ins Zeug gelegt, wenn du weisst, was ich meine, hahaha… (hustet) ... also, ich habe quasi meinen ganzen Charme benutzt, haha, um diesen Jäger davon abzuhalten, den Plan des Spiegels umzusetzen, also, Schätzchen, ganz im Vertrauen: Ich hab der dummen Tussi das Leben gerettet, jawohl, so war es.”
Richter, erschöpft: “Meine Nerven. Aussage gegen Aussage, immer nur Aussage gegen Aussage. Warum nur machen mir immer alle das Leben so schwer.” (Zum Gerichtsdiener, resigniert:) “Bringen Sie mir nochmals diese Frau Schneewittchen rein.”

Auftritt Schneewittchen. Sie stöckelt mit grossem Gehabe in den Gerichtssaal, zuckt merklich zusammen, als sie die Schwiegermutter und den Spiegel dort sitzen, bzw. schweben sieht. Sie setzt sich möglichst weit von der Schwiegermutter hin und packt schon mal das weisse Seidentuch aus ihrer voluminösen It-Bag. Kaum hält sie es in der Hand, plärrt sie auch schon wieder los:

Schneewittchen:“Huhu… Warum tun Sie mir das an, huhu… Herr Richter, warum?! Da kommt so viel hoch, huhu… Meine Kindheit, huhu… dieser doofe Apfel, huhu… mein Magen ist immer noch total gereizt, sage ich Ihnen, huhuu…”
Richter, zusammengesunken (seufzt tief): “Also, Frau Schneewittchen, hören Sie mal mit Ihrem Geheule auf! Tut mir wirklich leid, das sagen zu müssen, aber ich kann jeden verstehen, der Sie abmurksen will!!”

(Stille. Der Richter fährt zusammen, setzt sich wieder gerade hin. Dann, halblaut zum Gerichtsdiener: “Also, das löschen Sie mal schön wieder aus dem Protokoll, verstanden?!”)

Richter (zu Schneewittchen): “Was ich, ähm, sagen wollte: Wer hat Sie denn nun abgemurkst?!”
Schneewittchen, schniefend: “Das war, huhu… Eine Verschwörung! Jawoll, huhu… Die Blöde da, huhu… (weist auf die Schwiegermutter) und dieser arrogante, doofe Spiegel da, und dann noch, huhu… (schluchzt ohrenbetäubend) … dieser elende Mistkerl, dieser blöde Troll, also, huhu… und diese voll blöden Zwerge, huhu… die haben sich alle gegen das arme Schneewittchen, huhu… das bin ich, huhu… verschworen, sag ich Ihnen, verschwoooren, huhu…”
Schwiegermutter, genervt, fällt ihr ins Wort: “Himmelarsch, du dumme Nuss, jetzt langts mir aber gehörig! Hör endlich auf mit deiner verdammten Show, hast du gehört, ich krieg schon Pickel am Arsch vom hier rumsitzen! Kürz das Ganze ab, meine Fresse, du blödes Gör, und komm endlich zu dem Punkt wo du deinen Tod inszeniert hast!!”

(Totenstille.)

Richter, sichtlich verstört, zu Schneewittchen: “Wie war das? Inszeniert?!”
Schneewittchen setzt sich gerade hin, verschränkt die Arme vor der Brust, hört augenblicklich mit dem Geplärre auf. Ihre Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. Dann, schnippisch: “Ich sage hier nichts mehr ohne meinen Anwalt.”
Schwiegermutter, ebenso schnippisch: “Du dummes Flittchen hast doch gar kein Geld für einen Anwalt. Nun, da unser… Ich meine, nun, da dein Plan nicht aufgegangen ist, wird die Versicherung auch nicht bezahlen, das kannst du dir echt abschminken, Doofie.”
Richter, hellhörig: “Unser Plan?! Versicherung?! Heilandsack, das wird ja immer besser hier! (Zu Schneewittchen): Wie war das? Wessen Plan? Welche Versicherung?”
Schneewittchen, nimmt die Nagelfeile hervor und feilt ihre Nägel, bockig: “Ihr Plan. (weist mit der Nagelfeile auf die Schwiegermutter) Es war alles ihr Plan. Das Geld, ja, das verdammte Geld. Sie haben ja keine Ahnung, was das Leben als Prinzessin heutzutage alles so kostet. (Überlegt kurz, lächelt dann den Richter affektiert an) Äh, als Königin und Schwiegermutter, meine ich, die Schwiegermutter also, die hatte ja immer Geldprobleme, IMMER, sag ich Ihnen. Ja und dann fasste sie diesen Plan, Sie wissen schon, Lebensversicherung und so, während ich versuchte, sie davon abzuhalten. Doch sie schreckte vor nichts zurück, sag ich Ihnen, wirklich vor nichts…” (dramatische Pause, leidender Gesichtsausdruck)
Schwiegermutter, unterbricht lauthals: “So, Fresse, du blöde Nuss, mir reichts, deine Nummer als verhärmtes Stiefkind kannst du deinem Psychiater vorspielen, meine Nerven! (wird von Hustattacken geschüttelt) (zum Richter, säuselnd): Glaub dieser Tussi kein Wort, Schätzchen, es war ihr Plan, nur ihr Plan.”
Spiegel, platzt genervt heraus: “Ich bitte Sie, Herr Richter, machen Sie diesem elenden Zirkus ein Ende! Ich meine, ich war dabei: Die beiden (weist auf Schneewittchen und die Schwiegermutter) haben das zusammen ausgetüftelt. Ich versuchte, die beiden abzuhalten, ist ja gegen das Gesetz und so, aber nein, niemand hört auf mich, das ist mein elendes Schicksal, niemand will die Wahrheit hören, alle stellen dumme Fragen, wollen aber die Wahrh…”
Richter, ausser sich, brüllt quer durch den Saal: MIR REICHTS!! WACHE, NEHMEN SIE ALLE ANGEKLAGTEN FEST! JA, ALLE!! AUCH DIE IN DER U-HAFT! JA, AUCH DEN ASI UND DIE BEIDEN HIPPIES!! EINFACH ALLE!! MIR REICHTS!! IHR KRIEGT EINE GEMEINSCHAFTSZELLE UND JEDEN TAG 8 STUNDEN GRUPPENTHERAPEI!!! IHR ALLE!!! ALLE!!! GEMEINSAM!!!ABTRETEN, MARSCH!!”

(Der magische Spiegel, die Schwiegermutter und der Spiegel stossen wilde Verwünschungen und allerlei nicht jugendfreie Flüche aus, während sie von den drei Polizisten, die anmarschiert kommen, abgeführt werden. Aus dem Nebenraum hört man ein lautes “WILLST DU MICH VERARSCHEN, MANN, EY?! THERAPIESCHEISSE, WAS?! WEISS ICH, WO DEINE MUTTER WOHNT…”. Der Richter atmet schwer, wischt sich den Schweiss ab, klaubt einen kleinen Flachmann unter dem Pult hervor und genehmigt sich einen tiefen Schluck. Prost!)

 

 

Er wollte als Kind Astronaut werden.

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