Mrz 9, 2017 - Alltag    2 Comments

Wie viel man spenden soll: Die Gutmensch-Perspektive.

Es ist ja so: Ich bin ein echtes Klischee. Wenn ich nämlich nicht gerade grob fluche oder unerlaubterweise Totenkopf-Socken trage, gebe ich mir Mühe, ein guter Mensch zu sein. Wirklich. Ich möchte versuchen, so wenig Schaden auf dieser Erde anzurichten wie möglich, ich möchte sogar, dass sie besser wird. Ich möchte, dass alle Menschen die gleichen Chancen erhalten, ganz egal, wo sie herkommen, was sie für wirtschaftliche, gesundheitliche, soziale Möglichkeiten haben, ganz egal, wen oder was sie lieben, ganz egal an wen oder was sie glauben – oder auch nicht. Ich möchte, dass wir alle freundlich und anständig miteinander umgehen, dass wir miteinander Ziele erreichen, anstatt gegeneinander zu kämpfen. Ich möchte, dass jeder Mensch mit Respekt behandelt wird, ich möchte, dass wir zu unserem Planeten und allem Leben auf ihm Sorge tragen, denn immer noch haben wir keinen zweiten in Reichweite. Ja, ich bin das lebende Klischee eines Gutmenschen, und ich weigere mich nachdrücklich, das als Makel anzusehen.

Warum ich das hier so betonen muss? Nun. Mir ist da wieder einmal was in den falschen Hals geraten. In diesem Artikel wird von Kolumnist Peter Schneider unter dem Titel „Wie viel von seinem Geld soll man spenden?“ Stellung bezogen gegenüber den „effektiven Altruisten“, eine philosophisch betrachtet offenbar erbärmliche Gruppierung, die ihre gesamte Energie darin verbrät, trotz bedeutendem Wohlstand an allen Ecken und Kanten zu sparen, was das Zeug hält, um so viel von ihrem Wohlstand in irgendwelche altruistischen Banalitäten zu stecken wie nur irgendwie möglich – ein typischer Auswuchs einer intellektuell fragwürdigen Hypermoral, dieser effektive Altruismus, natürlich, denn ernsthaft, man kann doch Menschen nur belächeln, die denken, sie könnten die Welt verbessern, indem sie z.B. das kantonale rote Kreuz unterstützen, das sich um alte oder kranke Menschen in der Region kümmert, oder gar dem Umweltschutz oder den Ärzten ohne Grenzen finanziell unter die Arme greifen. Weltfremde Träumer!! Der Autor selber könnte so nicht leben, führt er aus, weil, trotz seinem enormen Einkommen (70’00 CHF Steuern pro Jahr deuten schon auf ein solches hin) reiche das Geld halt nicht für eine Brunnen in Somalia oder ein Kinderheim im Sudan.

Ich muss sagen, mein Puls schwoll ziemlich an, als ich das las. Ich versuche, die Gründe für meine Aufregung möglichst ehrlich zu benennen. Es sind, so denke ich, zwei verschiedene Motive, warum ich jemanden kräftig schütteln möchte, der sowas von sich gibt.

1) Ich fühle mich verarscht. Ich als bekennender Gutmensch fühle mich belächelt und mit einer süffisanten Arroganz überschüttet. Meine Bestrebungen, mein sehr viel geringeres Einkommen zusammen zu kratzen, um gemeinnützige Projekte zu unterstützen, sehen aus der Perspektive einer elitären Garde offenbar einfach nur lächerlich aus. Das ärgert mich, das beleidigt mich. Ich versuche, mit geringen Mitteln die Welt zu verbessern. Wenn man mit so viel Wohlstand gesegnet ist und sich dann anmasst, bescheidener lebende Menschen wie mich (meine Mittel reichen auch nicht für ein Kinderheim im Sudan, Heilandsack!) in irgendeine lächerliche Schublade zu stecken, weil ich versuche, zu teilen, dann möchte ich der Person, die mich dermassen herab setzt, völlig effektiv und nicht so sehr altruistisch eine schmieren, Punkt.

2) Ich finde diese Grundhaltung („… Altruismus ist was für den naiven und weltfremden Pöbel“) moralisch falsch. Es ist mir absolut bewusst, dass man niemanden zwingen kann, seinen Wohlstand zu teilen (sonst gäbe es keine Reichen wie Herrn Schneider, hüstel). Das ist freiwillig, und was freiwillig ist, kann man nicht einfordern. Ich kann es aber dennoch moralisch verwerflich finden, dass jemand, dessen Einkommen sicher mehr als das 7fache meines Einkommens beträgt, sich da einfach rausnimmt. Keinen Beitrag leisten will zum Gemeinwohl, sich nicht um sozial und finanziell Schwächere kümmern will, ausser ab und zu ein paar Fränkli einer Obdachlosen zu spenden. Ja, ich finde das verwerflich. Ich habe auch meine Gründe, warum ich das verwerflich finde. 

Einer ist: Ich bin in finanziell bescheidenem Rahmen aufgewachsen. Meine Eltern hatten kaum Geld und dafür 5 Kinder. Ich trug noch als Teenager die löchrigen Hosen meiner älteren Brüder nach und die ekelhafte Winterjacke mit den zu kurzen Ärmeln aus der Brockenstube. Wir fuhren nie als Familie in die Ferien, das konnten wir uns nicht leisten. Ich war mit 16 mit der Schule das erste Mal im Ausland, das Meer sah ich mit 18 zum ersten Mal. Wir hatten Nachbarn, die mich als Kind aus Goodwill manchmal mit auf einen Ausflug oder gar zum Zelten mitnahmen, weil das bei uns alles nicht drin lag. Das war alles nicht immer nur lustig. Dass ich eine gute Ausbildung machen konnte und jetzt nicht von Armut betroffen bin, war für mich nie selbstverständlich. Selbstverständlich ist für mich vor diesem Hintergrund allerdings, dass man sich um die kümmern sollte, denen es schlechter geht als einem selbst. Das war einer der Werte, den mir meine Familie vermittelt hat, immer, auch und gerade in finanziell schwierigen Zeiten.

Ein anderer Grund ist: Ich habe selber auch schon erfahren, wie es ist, auf die Hilfe von Unbekannten angewiesen zu sein. Ich bin einmal auf einem anderen Kontinent fast gestorben. Ich war schwer krank, allein und konnte mich kaum in der Landessprache verständigen. Fremde Menschen haben sich um mich gekümmert, haben mich in ein Spital gebracht. Man hat mich aufgepäppelt, mir Essen eingegeben, es haben auch wildfremde Menschen für mich Kleider gespendet. Ich hatte ja praktisch nichts dabei, da haben sie für mich Kleider gesammelt. Sie haben meine Kleider gewaschen und mich sauber eingekleidet. Einfach so. Ich hatte kein Geld und war zu krank, um mich darum zu kümmern. Die Menschen da leben allesamt auf einem deutlich tieferen Standard als ich in der Schweiz. Sie kannten mich nicht, sie hatten keinen Vorteil daraus. Sie haben sich um mich gekümmert, einfach nur, weil ich alleine war und es mir schlecht ging. Sie haben mir Kleider geschenkt, einfach so. Seit da spende ich an die Ärzte ohne Grenzen. Ich möchte etwas zurück geben, ich hoffe, dass ich damit einem Menschen medizinische Versorgung ermöglichen kann, der sie dringend braucht, so wie ich damals.

Ja, das dürften sie sein, meine Gründe, warum mich der Text von Herrn Schneider dermassen aufregt. Ich mag ihm sein enormes Einkommen durchaus gönnen, auch seine teuren Lebensmittel, seine Möglichkeiten zur Altersvorsorge, seine Ferien, sogar seine Ferienwohnung. Was ich ihm nicht gönne, ist seine blasierte Arroganz Menschen wie mir gegenüber, seine mangelnde Empathie und das Fehlen eines jeglichen Solidaritätsgedankens. Ich kann ihm nur wünschen, dass er irgendwann in seinem behüteten Oberschichtsleben eine ähnliche Grenzerfahrung macht wie ich, als ich in Südamerika fast gestorben bin. Anders, fürchte ich, wird er nicht lernen, wie wichtig es ist, einander zu helfen, quer durch alle Schichten, quer durch alle Staatszugehörigkeiten und quer durch jedes Einkommen. Ich habe schon als Kind gelernt, dass man das macht, dass man Schwächeren und Ärmeren immer versucht zu helfen. Herr Schneider offenbar nicht. Aber selbst in seinem Alter kann man noch dazu lernen, und das wünsche ich ihm wirklich von Herzen.

Feb 27, 2017 - Alltag    1 Comment

Lebensmittel-Roulette.

Unter diesem schmissigen Titel habe ich im letzten Jahr versucht, mit den guten Vorsätzen des „Projekt Ernährung“  meine bis anhin eher eingeschränkte Auswahl an Lebensmittel signifikant zu erweitern. Ich habe, ganz konkret, immer wieder mal Lebensmittel gekauft, die mir entweder gänzlich unbekannt waren oder die ich noch nie selber zubereitet hatte. Hier eine launige Auswahl dieses Versuches:

Wirsing. Nie gekauft, nie zubereitet. Ergebnis: Schmeckt mir nicht (wie das meiste Kohlgemüse).

Blattspinat. Kannte ich, klar, hatte ich aber weder je zubereitet noch je gekauft. Ergebnis: Roh in Smoothies ist er mir zu bitter, gekocht in Curries liebe ich ihn.

Reisflocken. Ein mir gänzlich unbekanntes Nahrungsmittel. Ergebnis: Über Nacht in meinem Chia-Müesli eingeweicht kann ich die gut essen. Schmecken einfach sehr neutral.

Passionsfrucht. Kannte ich, hatte ich aber nie gekauft und nie unverarbeitet gegessen. Ergebnis: Ich LIEBE die Passionsfrucht und esse etwa eine pro Woche.

Veganes „Joghurt“ auf Sojabasis. Hatte ich nie zuvor gegessen. Ergebnis: Schmeckt für mich absolut widerwärtig, scheusslich, ungeniessbar. Ich hab 1 Teelöffel davon runtergewürgt, den Rest hab ich in den Müll geworfen.

Blumenkohl. Man glaubt es schier nicht, aber ich hatte noch nie selber einen gekauft und zubereitet. Ergebnis: In Olivenöl und Gewürze mariniert und dann im Backofen gebacken schmeckt mir Blumenkohl nicht schlecht. Ich werde wieder welchen kaufen.

Fenchel. Nachdem ich Fenchel als Kind und Jugendliche verabscheut hatte, habe ich als Erwachsene so gut wie nie welchen gegessen, geschweige denn gekauft und zubereitet. Ergebnis: Aus dem Ofen (mit Olivenöl und Knoblauch mariniert) schmeckt er mir richtig gut, auch mit Orangenfilets, Fleur de Sel und Pinienkernen ist er lecker.

Fleur de Sel. Dieses „Luxus-Salz“ habe ich gekauft, weil es in einem Rezept für Fenchel vorkam. Ergebnis: Sehr, sehr lecker (wenn auch wirklich teuer). Am besten schmecken mir in Streifen geschnittene Zwiebeln, die ich mit Fleur de Sel und richtig gutem Balsamico mariniere. Kann man in selbst gemachte Hamburger einbauen, oder man isst sie einfach so, ich zumindest fahre voll darauf ab.

Reis-Mandel-Drink. Wieder etwas aus der veganen Ecke: Hatte ich nie probiert und nie gekauft. Ergebnis: Schmeckt nicht schlecht, sehr neutral, ein bisschen schmeckt man die Mandeln raus. Ich hab das eine Zeit lang immer ins Müesli geschüttet, bis ich etwas besseres entdeckte: Reis-Kokos-Drink. Schmeckt mir persönlich besser, ist auch vegan.

Tsampa. Ein „tibetisches Grundnahrungsmittel“, aus Getreide. Ich wusste vorher nicht mal, dass sowas existiert. Ergebnis: Ich versuchte, ein Müesli-ähnliches Lebensmittel zu finden, das ohne Getreideflocken auskommt, weil ich deren Konsistenz hasse. Allerdings mag ich den Geschmack von „Tsampa“ nicht besonders, ich kann das essen, aber „lecker“ ist was anderes.

Hier geht es um: Thunfischfilet. Hatte ich weder je gegessen noch je zubereitet. Ergebnis: Super, super lecker, ausserdem total easy in der Zubereitung, nur ein bisschen anbraten, würzen, fertig. Allerdings ist es 1. teuer und 2. halt ökologisch nicht ganz unbedenklich. Ich kaufe es nur, wenn es reduziert und mit einem MSC- oder Biolabel gekennzeichnet ist. Eine seltene Kombi, aber sie existiert.

Aus der Reihe „exotisch“ (für mich): Ajvar. Kannte ich gar nicht. Ergebnis: Na ja. Ich kann das essen (zu grilliertem Fleisch oder so), aber eine geschmackliche Offenbarung ist es für mich definitiv nicht.

Aus der Reihe „vegan“: Weisses Mandelmus. Kannte ich gar nicht. Ergebnis: Nee. Schmeckt mir überhaupt nicht. Ich hab ein bisschen davon tapfer gegessen und den Rest weggeschmissen.

Za’tar. Eine orientalische (?) Gewürzmischung. Kannte ich gar nicht. Ergebnis: Mag ich sehr gerne. Ich mariniere Pouletschenkel darin (mit Öl und frischem Thymian), dann backe ich sie im Ofen. Schmeckt super!

Getrocknete Cranberries. Hatte ich so noch nie gekauft. Ergebnis: Sind super süss, im Müesli sind sie mir zu süss. In Smoothies dagegen find ich sie super.

Sardellen. Hatte ich noch nie gekauft. Ergebnis: Mag ich gerne, allerdings nicht „pur“, sonst sind sie mir zu salzig. Aber verarbeitet schmecken sie mir sehr.

Dukkah. Eine orientalische (?) Gewürzmischung. War mir gänzlich unbekannt, eine Mitarbeiterin hat mir selbstgemachtes Dukkah geschenkt. Ergebnis: Ich fahre total darauf ab! Ich schütte das grosszügig über jede Art von Salat, aber auch über belegte Brötchen, Suppen, Curries… ich bin dermassen süchtig geworden, dass ich mir nun die Variante von Fine Food gekauft habe, nachdem das selbst gemachte aufgebraucht war.

 

Nebst mehr oder weniger „neuen“ Lebensmittel habe ich auch sonst Neues ausprobiert in kulinarischer Hinsicht. Im Klartext: Ich habe eine Menge neue Rezepte ausprobiert. Hier die lohnendsten Experimente:

Zimtschnecken. So lecker!! Am leckersten, wenn sie noch warm sind & selbst gemachte Vanillesauce passt himmlisch dazu!

Chai-Sirup. Super fein! Ich brühe guten (Bio-) Schwarztee auf, nur 3 Minuten lang, dann kommt pro Tasse 1-2EL Chaisirup rein, heisse Milch und oben drauf Milchschaum mit einem Hauch Zimt. Hach. Schmeckt sogar noch besser als der Chai-Latte im Tibits!

Selbst gemachte Burger. Ich experimentiere weiter, mit selbstgebackenen Brötchen, den himmlischen marinierten Zwiebeln, dem passenden Käse. Noch habe ich den perfekten Burger nicht hingekriegt, aber ich finde, ich bin extrem nahe dran!

Tja. Auf der Laube lagert übrigens gerade frisches Topinambur, ebenfalls etwas, was ich noch nie gegessen habe. Es ist schon so, ein paar Fehlgriffe waren beim Roulette dabei. Aber unter dem Strich finde ich, es hat sich absolut gelohnt. Ich esse mehr Gemüse, seit ich dieses Projekt verfolge, und seit ich den perfekten Aceto und das perfekte Olivenöl gefunden habe, esse ich auch viel mehr Salat. Essen ist etwas tolles, und es ich kann es nur empfehlen, Neues auszuprobieren. 

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