Jul 21, 2014 - Alltag    No Comments

Das Wickelkleid-Debakel.

Ein grauer Tag, im eh schon wenig pittoresken Olten schüttet es, als hätte Petrus was im Auge. (Böse Zungen behaupten, er habe sich zuvor Olten mal genauer angesehen, aber das nur am Rande.) Was tun, um dem Tag eine hoffnungsvollere Wendung zu geben? Anstatt nach Hause zu fahren und endlich mal wieder ordentlich zu putzen und Wäsche zu waschen, greife ich kurzerhand zum Handy und rufe, wen sonst, Mama Änni an.

“Hallo, Mama, was machst du so? Mir ist langweilig…” “Dann komm her! Und bring beigen Faden mit!!”

Gesagt, getan. Der aufmerksame Leser kombiniert: Genau, da liegt noch ein unfertiges Wickelkleid bei Ännis Mama rum. Dieses heute fertig zu nähen, ist das erklärte Ziel. Doch: Das wäre alles viel zu einfach gewesen.

“Himmelarsch und Zwirn…” Die Flüche von Mama Änni schallen unschön durch die durchaus pittoresken Emmentaler Hügel. Grund der mütterlichen Entgleisungen: Vreni, ihr erinnert euch, die unvergleichliche emmentalische Nähkurs-Koryphäe, hat mir nach Abschluss des Jeanskleides noch im Husch-Husch-Verfahren erklärt, wie ich das Wickelkleid nähen soll. Leider war die gute Dame zu dem Zeitpunkt ziemlich im Stress, was dazu führte, dass sie mir kurzerhand erklärte, nein, also die beiden Brustteile doppelt nehmen, also, das solle ich mir sparen, das mache das Sommerkleid nur unnötig dick, also, das soll ich einfach ignorieren. Nun ja. Wie sich am Ende von vielen nicht jugendfreien Flüchen aus dem Munde meiner betagten Mutter herausstellte, hätten diese doppelten Brustteile dazu geführt, dass durch die Naht automatisch das Dekolletee, die Armlöcher und den Halsausschnitt versäubert gewesen wäre. Hätte gewesen sein sollen, würde gehabt haben werden.

Und nun? Mama Änni schnurpfelte mehrere Stunden am Kleid herum, fluchte dazwischen erneut unschön und versuchte, mit Stoffresten und aufgetrennten Overlock-Nähten zu retten, was noch zu retten war.

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Anprobe mit noch unvorteilhafter Bauchpartie und Überlänge

 

Und ich? Ich entfernte mich wohlweislich, denn wenn meine Mama wirklich gereizt ist, ist es für alle Beteiligten das Beste, einen gewissen Sicherheitsabstand einzuhalten. Im Versuch, meine kampflustige Mama zu besänftigen, griff ich zu einem naheliegenden Hausmittel: Sven Epineys Schokoladenkuchen. (Für Nicht-Schweizer: Sven ist quasi die Heidi Klum der Schweiz, sobald man nichts böses ahnend den Fernseher anschaltet, strahlt einen Svens LSD-Grinsen entgegen. Aber: Sein Schokokuchen, der ist ganz ok.)

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Svens Kuchen, Grosstantis Milchkrug

Das Zuckerkoma, das sich erwartungsgemäss ab dem dritten Stück dieser Kalorien-Schleuder einstellte, beruhigte zwar wie erwartet in beträchtlichem Ausmass die Nerven meiner angesäuerten Mama, er führte aber auch zu diversen euphorischen Visionen, und das, ich will ehrlich zu euch sein, durchaus generationenübergreifend.

“Du Mama, ich hab da im Internet ein Foto gesehen, also da hat eine dieses Schnittmuster einfach als Wickelshirt abgekürzt, das muss ich dir zeigen, also, das sieht super aus!” “Mmh, ja, doch, das sieht nicht schlecht aus, aber du hast ja gar keinen Stoff mehr?” “Ja, also, ich hab mir gedacht, also, ich könnte ja morgen nochmals los, aber ja, da muss ich wieder nach Aarau oder Langenthal, also, das ist halt wieder weit…” “Hmm, also, wir könnten ja zum Heini, du weisst schon, dort in Hinterpfupfigen, also, der hat ja die beste Auswahl schweizweit, und das zu guten Preisen, also, wir könnten ja jetzt gleich los?!”

Der Heini, ein Urgestein des emmentalischen Detailhandels, eine Art “Einkaufszentrum für Landeier”, hat auf der enormen Ladenfläche nicht nur Yoghurt aus der dorfeigenen Käserei, ungeniessbaren Gratiskaffee und hässliche Kleidung bis Grösse 56, nein, er führt auch enorme Mengen an Wolle und Stoff. “Wäre ja auch verheerend, wenn man in einer der dreissig Plastikboxen mit Stoff mal den Boden sehen würde”, grummelte der Papa, und schon waren meine Mama und ich beim Heini. Das wohl – in diesem Fall wohl wirklich schweizweit – hässlichsten “Einlaufszentrum” ever, in dem die urchigen Konsumenten auf Schnäppchenjagd in den Melkerblusen und Augenkrebs-Röcken herumwühlen, enttäuschte auch heute nicht. In den lieb- und konzeptlos aufgetürmten Stoffbergen den Überblick zu behalten, ist ein Ding der Unmöglichleit, aber wer wühlt, der findet. “Oh, guck mal, Mama, dieser bestickte rosa Stoff, meine Güte, ist der schön…” “Meine Güte, du hast recht!! Aber der ist nicht geeignet für dein Schnittmuster, das weisst du doch, oder?” “Ja klar, aber guck mal, wie schön der ist…” “Meine Güte, du hast recht!! Oh, und der würde WUNDERBAR zu meinem grauen Rock passen, so als leichte Jacke…” “Meine Güte, du hast so recht!!”

Ähm ja. Ich kürze an dieser Stelle mal ab. Stunden später verlassen wir den Heini, den Einkaufswagen voll mit Stoff und Mercerie. Hier meine ergatterten Schätze:

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Einmal Jersey-Stoff für ein Wickelshirt wie auf dem besagten Foto. (Von diesem Stoff ist meine Mama deutlich begeisterter als ich. Klar, wunderbare Farben, aber das Muster?… Egal, ich solle jetzt nicht lange diskutieren, sondern den einfach kaufen, hiess es.)

 

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Und einmal wunder- wunderbaren Jersey für ein zweites Wickelkleid, diesmal MIT doppelten Brustteilen.

 

Hach. Morgen geh ich wieder zu meiner Mama, und dann nähen wir, bis die Maschinen rauchen.

Jul 20, 2014 - Alltag    2 Comments

Änni im Nähkurs.

Etwa 9 Monate ist es her, da erzählte ich in einem Zustand geistiger Umnachtung in Anwesenheit von Mama Änni, dass ich vielleicht mal einen Nähkurs besuchen möchte, um die Basics zu lernen – klar, ich habe bereits sagenhafte  Unikate genäht, aber wirklich nur mit viel Unterstützung und mit enorm viel Zeit. Es war Spätherbst, und ich dachte mir nicht viel bei dieser Aussage. Anders da Mama Änni.

“Du musst unbedingt zu der Vreni, die ist die beste!… Doch, du kennst doch Vreni, dass ist die, bei der ich immer in die Kurse gehe… doch, die Vreni!… Ja, klar, die Kurse finden bei uns im Dorf statt… was, du willst dich in Olten umsehen?! Niemand bietet so gute Kurse an wie die Vreni!! … Olten, ha, die können doch nicht nähen da… Nein, du gehst zu der Vreni! … also der nächste freie Kurs ist im Juli 2014… Ja NATÜRLICH  musst du dich jetzt schon anmelden!! Die Vreni ist immer ausgebucht!! … ja, weil sie denk die beste ist!! Die reisen aus der halben Schweiz an, um bei der Vreni einen Kurs zu machen… Doch, NATÜRLICH musst du dich jetzt schon anmelden!! … was, du weiss nicht, was in 9 Monaten ist?! Du willst doch einen Nähkurs machen, oder?! Dann melde dich an!! Ja, für im Juli!!… Ach, ÄNNI!! Dann melde eben ICH dich an!!! … was, du bist dann vielleicht in den Ferien?! Du kannst dann nicht in die Ferien, du gehst dann zu Vreni in den Nähkurs!!!”

Wer meine Mama kennt, der weiss: Natürlich hat sie mich angemeldet, damals, im November. Wie das Leben so spielt, zeichnete sich dann ab, dass ich im Juli tatsächlich nicht weg fuhr, und so besorgte ich mir erstmal zwei Schnittmuster und passenden Stoff.

Stoff Etuikleid

Jeans-Stoff Etuikleid

Jersey für Wickelkleid

Jersey für Wickelkleid

 

Der Kurs fand an drei ganzen Tagen hintereinander in einem abgelegenen Industriegebiet statt, unweit des Wohnortes meiner Eltern. Genau, im Emmental. Genau, ich wohne schon lange nicht mehr da. Genau, ich musste jeden Morgen und jeden Abend mehr als eine Stunde im ÖV verbringen, um da hin-, bzw. wegzukommen. Genau, ich hab an 2 von 3 Tagen verpennt. Egal, glaubt meinen Worten:

Die Vreni ist wirklich die beste!!

Dass ich das Durchschnittsalter der Teilnehmenden gut halbiert habe, war eins. Dass ich die einzige ohne zwei Nähmaschinen, eine davon Overlock, war, ok. Dass ich aber tatsächlich die einzige war, die ein gekauftes Schnittmuster dabei hatte, verblüffte mich dann schon ein wenig. Die Damen, geschätzt ab 50 bis 70jährig, nähten alle ab dem Level “ich zeichne mir meine Schnittmuster selber”. Und das, verehrte Leserschaft, nicht etwa für simple T-Shirts oder Pyjamas: Es entstanden eine Lederjacke, ein traumhaftes Abendkleid, ein Mantel, eine Seidenhose, ein Leder-Pullunder und so weiter und so fort. Mir klappte mehrmals der Unterkiefer runter, wenn ich mir die Werke der anderen ansah.

In die muntere Runde wurde ich zwangsintegriert. Die Damen luden abwechselnd zum Mittagessen zu sich nach Hause ein, wo ihre Gatten uns bekochten. Die welsche Dame lieh mir ihre Overlock-Maschine, und auch die anderen standen mir mit Rat und Tat zur Seite, wenn die Kursleiterin gerade in der Mittagspause weilte. Alle waren sie nett und zuvorkommend, lobten mein Anfänger-Werk und meinen Fleiss. Jeden Abend war ich total erschöpft, sich 7 Stunden so zu konzentrieren bin ich mir nicht gewohnt.

So, genug gequatscht, hier das Ergebnis, voilà:

 

Etwas schwer geraten, aber doch ganz ok: Etui-Kleid.

Etwas schwer geraten, aber insgesamt dann doch ganz ok: Etui-Kleid.

 

 

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(Nachbemerkung: Mit Hilfe der ominösen Vreni habe ich das Burda-Muster leicht abgeändert. Der Ausschnitt ist deutlich tiefer, der Saum deutlich kürzer, und in der Taille hat mir Vreni das Muster auf meine Figur angepasst, bzw. eingenommen. Bis zur Brust ist das Kleid Grösse 38, unter der Brust Grösse 40.)

(.. und das Wickelkleid? Das liegt leider immer noch bei Mama Änni, da es mit einer Overlock-Maschine fertig genäht werden sollte. Aber ich werde die Bilder nachliefern, wenn es fertig ist!)

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